Positiv arbeiten - was genau verstehe ich darunter?

Man hört es immer wieder:" Ich arbeite mit positiver Verstärkung."

Genau das sage ich über mich auch. Nur was ist das genau? Viele haben davon schon gehört, manche noch nie und andere wieder wissen genau, was ich damit meine.

Einige leider, verstehen es aber total falsch. Auch ich werde oft belächelt, wenn ich erzähle, ich arbeite mit positiver Verstärkung. Das liegt dann daran, dass die meisten denken, ich laufe nur mit Clicker und Leckerchen in der Gegend rum und besteche meine Hunde damit, etwas für mich zu tun. So ganz falsch ist das nicht. Ja, ich belohen meine Hunde. Aber nicht nur mit Leckerchen. Da gibt es noch soooo viel mehr.

 

Also, was hat es denn nun auf sich mit dem positiven verstärken? Ganz simpel ausgedrückt bedeutet dies, ich belohne jedes gute Verhalten meines Hundes und jedes unerwünschte Verhalten wird entweder ignoriert, unterbrochen oder es wird dem Hund eine Alternative beigebracht. Hört sich einfach an, ganz so leicht ist es aber dann doch nicht. Denn es gehört viel Vorarbeit dazu.

 

Gehen wir mal davon aus, Du hast einen Hund, der jedesmal kreischend in der Leine hängt, wenn er andere Hunde sieht. Ziemlich doofe Sache. Aber um das Problem richtig zu behandeln, musst Du Dir erst einmal Gedanken darüber machen, warum Dein Hund das tut, welche Motivation dahinter steckt.

Ist es Angst, Frust, Schmerz, Aggression,....?

Wenn Du das weißt, musst Du Dir Gedanken darüber machen, was Dein Hund davon hat, so auszurasten. Was möchte er damit erreichen? Möchte er Abstand zu dem anderen Hund, will er ihn vertreiben? Oder ist er gefrustet, weil er doch so gerne "Hallo" sagen möchte, kann aber wegen der Einschränkung der Leine nicht?

 

Dann musst Du schauen, ob es bei jedem Hund ist oder nur bei manchen, ob der fremde Hund wirklich der Auslöser ist oder ob es noch andere Umweltreize gibt, die das Verhalten auslösen, z.B. straffe Leine, Deine Nervösität, Tagesform, usw. Und ganz wichtig: Ab welcher Distanz reagiert Dein Hund? Flippt er erst bei 2 Meter aus oder schon bei 20 Meter?

 

Wenn Du das alles weißt, dann erst kannst Du das Problem angehen. Und zwar, indem Du die Emotion deines Hundes veränderst. Und dies geschieht nur, indem man den Hund positives Feedback gibt und zwar immer dann, wenn er was richtig macht. Denn vor dem unerwünschten Verhalten zeigt Dein Hund immer erwünschtes Verhalten, wirklich immer. Du musst es eben nur sehen. Und genau das muss belohnt werden.

Wir Menschen neigen leider dazu, immer erst dann etwas zu unternehmen, wenn falsches Verhalten auftritt. Wir sind dann genervt oder verunsichert und strafen dann.

 

Das beste Beispiel ist die Leinenführigkeit. Immer wenn der Hund zieht, werden wir wütend und rucken den Hund zurück, schreien ihn dabei noch an und wundern uns, warum es einfach nicht besser wird. Im Gegenteil, irgendwann ist es nicht nur das ziehen an der Leine, sondern es kommt noch eine ordentliche Leinenaggression dazu. Denn was passiert denn, wenn wir den Hund zurück ziehen und rucken? Um rucken zu können, muss die Leine ja locker sein. Und wenn die Leine locker ist, genau in dem Moment bekommt der Hund eine drauf, wird also für die lockere Leine bestraft.

Viel besser wäre es, den Hund immer dann zu loben, wenn die Leine locker ist. Denn bevor Zug auf die Leine kommt, hängt sie ja auch mal durch.

 

Oder der Hund springt Dich an, wenn er Dich begrüßt. Du möchtest das nicht und meckerst Deinen Hund an oder schubst ihn weg. Es soll sogar Menschen geben, die ihren Hund dabei ein Knie schön in die Seite des Hundes rammen. Was passiert? Lässt es Dein Hund oder wird es eher schlimmer? Ich vermute, es wird schlimmer, oder?

Wie wäre es, Deinen Hund zu loben, solange er noch alle vier Pfoten auf dem Boden hat? Wie das geht?

Na gib ihm ein Kommando, bevor er hochspringt, z.B. ein "Steh" und lobe ihn nach guter Ausführung mit Deiner Aufmerksamkeit. Ganz einfach.

 

Also, erwünschtes Verhalten muss gelobt werden. Mit was? Mit Leckerchen, klar. Aber eben nicht nur. Belohnung ist so viel mehr. Es kommt auf den Hund an, was er gerne hat. Auch das musst Du herausfinden. 

Am besten schreibst Du Dir 10 Dinge auf, die Dein Hund gerne hat, auch das, was Du vielleicht nicht so toll findest.

 

Hier mal ein Beispiel von meinem Hund Oskar:

1. fressen

2. nach Mäusen buddeln

3. sich im Dreck wälzen

4. schwimmen

5. kuscheln mit mir

6. Dummy apportieren

7. hetzen

8. Rehe und Hasen jagen

9. schnüffeln

10. in der Sonne liegen und schlafen

 

Das ist schonmal eine ganze Menge. Da sind auch Dinge dabei, die ich nicht so toll finde, wie Rehe und Hasen jagen. Dies kann ich natürlich nicht als Belohnung einsetzen, aber ich kann mir überlegen, wie ich ein Ersatz bieten kann. Z.B. könnte ich Oskar an der Hetzangel einen Hasenfelldummy jagen lassen. Oder ich könnte ihn den Dummy werfen, damit er ihn holen kann.

Nun fragst Du Dich bestimmt, wie Du diese Bedürfnisse als Belohnung bei einer Leinenaggression einsetzen kannst. Natürlich geht hier nicht alles. Schwimmen z.B. oder in der Sonne liegen und schlafen wäre auch nicht so geeignet. Das kannn ich bei anderen Dingen besser einsetzen.

Aber ich kann Oskar sagen:" Hey Großer, da vorne ist zwar ein Hund der dich aufregt, aber anstatt diesen anzubellen, wende Dich lieber zu mir und hole Dir einen Keks ab, dann gehen wir beide in die andere Richtung. Oder dreh dich von diesem weg, dann darfst du deinen Dummy apportieren."

 

Hier wären wir dann auch gleich bei dem Alternativverhalten. Das ist ein Verhalten, was Dein Hund statt dem unerwünschten Verhalten zeigen soll. Also: Statt den fremden Hund anzubellen, tue doch lieber etwas anderes, wie z.B. bei Fuß gehen, einen Bogen laufen, ein Sitz, ein Handtoch, usw.

Ziel ist es, dass Dein Hund das Alternativverhalten immer dann zeigt, wenn ein fremder Hund auftaucht.

Dies dauert natürlich alles seine Zeit und geht nicht von heute auf morgen und ist mit Arbeit verbunden. Wie lange, dass ist von vielen Faktoren abhängig. Dem Charakter des Hundes, die Intensität des Verhaltens, Deine Motivation, usw. Bedenke: Dass unerwünschte Verhalten konnte sich ja über eine lange Zeit festigen.

 

Einfacher wäre es natürlich, Deinen Hund für das Verhalten zu strafen. Auch dann würde Dein Hund wahrscheinlich mit dem unerwünschten Verhalten aufhören. Strafe funktioniert, keine Frage. Aber ist das fair? Geht man so mit einem Lebewesen um, dass man doch eigentlich gerne hat? Will man sich wirklich das Vertrauen zu seinem besten Freund kaputt machen?

Stell Dir vor, Du gehst jeden Tag zur Arbeit und bekommst erst einmal einen kräftigen Anschiss von Deinem Chef. Du weißt eigentlich gar nicht, warum. Du hast nichts falsch gemacht, zumindest ist es Dir nicht bewußt. Du überlegst: Was war gestern? War ich unfreundlich am Telefon zu einem Kunden? Habe ich etwas falsch abgelegt? Oder habe ich vielleicht vergessen, eine Rechnung zu überweisen?

Du wirst unsicher. Du sagst lieber gar nichts, sonst regt sich Dein Chef noch mehr auf. Du gehst zur Tagesordnung über und erledigst Deine Aufgaben, aber durch Deine Unsicherheit machst Du unbewusst Fehler.... Ein Teufelskreis. Der nächste Anschiss ist vorprogrammiert. Irgendwann bist Du so ängstlich, dass Du Dich gar nicht mehr zur Arbeit traust.

Grauenvolle Vorstellung.

Nun stell Dir vor, Du gehst morges zur Arbeit, kommst ins Büro und wirst erst einmal mit einem freundlichen "Guten Morgen" von Deinem Chef begrüßt. Ihr beide besprecht den gestrigen, erfolgreichen Arbeitstag und Dein Chef lobt Dich für die gute Leistung. Du bist motiviert und setzt Dich sofort an Deinen Arbeitsplatz und legst los. Dir kommen im Laufe des Tages neue Ideen, die Du deinem Chef mitteilst und er ist sehr zufrieden damit. Am Ende des Monats habt ihr eine Besprechung mit dem ganzen Team und Dein Chef erwähnt dabei Deine guten Leistungen. Du bist stolz und freust Dich sehr.

Na, zu welchem Chef würdest Du lieber jeden Morgen gehen?

Ganz klar, oder?

 

Und genauso verhält es sich doch auch mit unseren Hunden. Die Basis eines guten Hundetrainings ist eine vertraunesvolle Bindung zu uns. Ohne dieser  geht es nicht. Mit Strafe erreichen wir das nicht. Wir bekommen vielleicht einen gehorsamen Hund, der super "Fuß" bei uns läuft, der nicht an der Leine zieht, der keine Menschen anbellt. Aber dieser Hund macht das nicht, um uns zu gefallen. Er tut es aus Angst vor schlechten Einwirkungen. Und ein Hund, der so agiert, hat Frust. Und dieser Frust kommt an anderer Stelle wieder hoch.

Vielleicht hat der Hund Trennungsstress. Vielleicht ist er unterernährt. Vielleicht hat er Haut-oder Fellprobleme.

Vielleicht jagt er dauerhaft seinen eigenen Schwanz oder seinen Schatten.

Vielleicht ist er aber auch einfach nur depressiv und hat aufgegeben.

Vielleicht brodelt es in ihm aber auch sehr lange und irgendwann, wenn keiner damit rechnet, bricht es aus ihm heraus wie bei einem Vulkan. Und dann hat man ein riesengroßes Problem-"Jo, das hat er ja noch nie gemacht", oder "Der hat plötzlich zugebissen!" sind dann die häufigsten Aussagen, die man zu hören bekommt.

 

Daher mein Appell an alle Hundehalter:

Bitte, bitte straft Eure Hunde nicht. Der Schaden kann immens hoch sein. Auch Ihr möchtet nicht, dass jemand Euch weh tut oder demütigt. Eure Hunde sind von Euch abhängig. Ihr habt Euren Hund dazu gezwungen, mit Euch zu leben. Daher seit Ihr auch in der Pflicht, das Leben für Euren Hund so angenehm wie möglich zu machen.

Ihr müsst Euren Hund auf das Leben vorbereiten und zwar mit Eurer Unterstützung. Wenn Euer Hund Angst hat, dann schubst ihn nicht weg. Wenn Euer Hund aufgeregt ist, dann helft ihm aus der Situation raus.

Beschäftigt Euch mit den Bedürfnissen Eurer Hunde und handelt entsprechend.

 

Gebt Eurem Hund das Gefühl, dass er Euch vertrauen kann, in jeder Situation!

 

Eure Hunde haben es verdient!

 

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