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Lilly - meine Krawallschachtel stellt sich vor


Es gab schon viele Hunde in meinem Leben, die mich alle bereichert haben, von denen ich lernen konnte und die meine besten Freunde waren und immer noch sind. Aber es gab bis jetzt nur einen Hund, der mich so gefordert hat, wie kein anderer - meine Lilly.

 

Lilly begleitet mich mittlerweile seit fast 6 Jahren und ich habe mit ihr so einige Probleme durch.

 

Lilly ist bei mir geboren. Meine damalige Hündin Shila hatte 7 gesunde Welpen bekommen und ich wußte, einen davon möchte ich behalten. Mir war egal, ob Rüde oder Hündin, auf jedenfall sollte es vom Aussehen her ähnlich wie Shila sein. Denn ich hatte immer kurzhaarige Hunde. Shila war mein erster Fellknäul und ich fand es immer super toll, mich in ihr Fell zu kuscheln.

Als der erste Welpe kam, eine Hündin, Farbe wie Shila und leicht gewelltes Fell, dachte ich noch:"Och, da kommen bestimmt noch mehr von der Sorte." Pustekuchen. Alle anderen waren rein schwarz, einer mit einer weißen Brust, einer mit welligen Fell.

Also stand für mich schon fest, das wird sie sein und Lilly soll sie heißen.

 

Die Welpenzeit verlief toll. Alle Babys entwickelten sich gut, waren propper und voller Tatendrang. Doch meine Lilly fiel damals schon auf, weil sie rotzfrech war. Sie hatte ihre Geschwister voll im Griff. "Ui", dachte ich, "das wird ne Hausnummer".

Aber egal, entschieden ist entschieden. Und sie war ja auch mega süß mit ihrem Puschelfell.

 

Trotzdem kam noch etwas dazwischen: Lou, Lillys Bruder. Auch er durfte bei mir bleiben. Er wurde mit 4 Wochen sehr krank und sein Leben stand auf der Kippe. Nach intensiver Betreuung von mir konnte ich diesen kleinen, schwarzen, übrigens kurzhaarigen Hund, nicht mehr her geben. Also hatte ich zwei Welpen groß zu ziehen. Alle hielten mich für verrückt, da ich ja noch erwachsene Hunde hatte, aber im Nachhinein war dies eine gute Entscheidung.

 

Als alle Welpen in ihr neues Zuhause umgezogen sind, wurde das Leben erst einmal wieder ruhiger. Ich konnte mich intensiver um die beiden kümmern und nun war es auch an der Zeit, richtige Hunde aus beiden zu formen. Mein Glück war es, dass ich zu dieser Zeit mit meiner Hundetrainerausbildung angefangen habe und konnte beiden somit alles Gute mitgeben.

 

Also los geht es, ab in den Alltag. Schnell stand fest, wer von beiden das Sagen hatte. Bei den Spaziergängen war Lilly schneller bereit, ihren Radius um mich herum zu vergrößern, als Lou. Lilly fing schon früh an, an der Line zu ziehen, Lou gar nicht. Lilly bellte Menschen an, Lou nicht. Lilly ist ein Hibbel, Lou eher der Gemütliche.

 

Zuhause waren beide eine Katastrophe. Sie machten alles kaputt, klauten Essen vom Tisch, kloppten sich den ganzen Tag und terrorisierten die großen Hunde. In dieser Zeit war meine Shila eine große Hilfe. Immer, wenn Lou und Lilly es mal wieder übertrieben und ich dachte, ups, da sollte ich nun mal dazwischen gehen, kam Shila um die Ecke und regelte das. Fand ich faszinierend.

Gut, diese Zeit überstanden wir mit Management und viel Geduld.

 

Aber leider entwickelte sich Lilly draußen zu einer Bestie. Schon bevor es überhaupt mit dem Spaziergang losgehen konnte, drehte sie voll hoch. Sie ließ sich nicht das Geschirr anziehen, bellte in hohen Tönen, sprang gegen mich. Schafften wir es endlich auf die Straße, zog sie wie wild, bellte alles an, Menschen, Autos, Hunde. Zum Glück habe ich es nicht weit bis in Feld und Wald und im Freilauf war sie super. Sie schaute immer nach mir, hörte immer, wenn ich sie rief, rannte nicht mit Vollspeed auf andere Hunde zu. Im Freilauf waren Hundekontakte auch eher selten ein Problem.

Mit anderen Lebewesen wie Pferd, Katze, Huhn oder Schaf hatte sie eher wenig Probleme. Na wenigstens etwas :-)

 

Aber mir viel auch auf, dass sie bei den Spaziergängen eher hektisch als entspannt war. Sie markierte wie ein Rüde, scharrte wie wild, rannte hin und her, war immer irgendwie auf der Flucht, so kam es mir vor.

An der Leine war es ein Spießrutenlauf. Menschen wurden rigoros verbellt. War der Mensch zu nahe, ging sie auf Abwehr. Hunde wurden ebenfalls aggressiv vertrieben.

Genauso war dies auch bei Besuchern. Das ging gar nicht. Neue Leute in ihrem Heim waren eine Gefahr für Lilly.

 

Beim Autofahren war sie auch immer sehr angespannt. Wenn sie im Kofferraum war, bellte sie Autos an, die hinter uns fuhren. Menschen und Hunde, die sie beim vorbei fahren sah, ebenso. Nur wenn sie auf dem Beifahrersitz war, hielt sie die Klappe. Also durfte Lilly von diesem Zeitpunkt an vorne sitzen, bis heute.

 

Auch dauerte es recht lange, bis Lilly stubenrein wurde. Erst mit ca. 8 Monaten musste ich keine Pfützen mehr von ihr weg machen. Gesundheitlich war alles in Ordnung.

 

Wie schon erwähnt machte ich gerade die Ausbildung zum Hundetrainer, was für uns die Rettung war. Wenn ich dieses Wissen über das Verhalten der Hunde nicht bekommen hätte, wäre ich wahrscheinlich heute eine von diesen Hundebesitzern, die nur noch Nachts Gassi gehen, keinen Besuch mehr bekommen könnten und Lilly hätte wohl ihr Leben lang Leinenpflicht bekommen.

 

Ich fing also an, das Verhalten von Lilly genauer unter die Lupe zu nehmen. Machte mir Gedanken, warum Lilly so reagiert. Ich legte aber auch den Fokus auf gutes Verhalten und überlegte mir, wie ich dies im Training nutzen kann. Lilly ist sehr schlau. Sie lernt recht fix, macht gerne Tricks oder beschäftigt sich gerne mit schwierigen Aufgaben. Wenn ich ein Signal trainieren möchte, wie z.B. der Handtouch, weiß sie nach zwei Wiederholungen schon, was sie zu tun hat. Lou braucht da schon 10-15 Wiederholungen.

Einmal stand ich im Bad und betätigte den Fußtritt meines Mülleimers, um ein Wattebausch hineinzuwerfen. Lilly lag auf dem Badteppich und schaute mir zu. Ich putzte mir dann die Zähne und Lilly stand auf, ging zum Mülleimer, guckte ihn kurz an, hob ihr Pfote und betätigte damit den Fußtritt. Der Deckel ging hoch, Lilly steckte ihren Rüssel hinein und holte den Wattebausch raus und haute damit ab.

Ich stand da und war baff. Sie hatte nur vom zuschauen kapiert, was sie zu tun hat. Und das beim ersten Mal. Mir ist schon klar, dass Lebewesen durch Nachahmung lernen. Aber so schnell? Das zeigte mir, wie intelligent sie ist.

Seit dem Tag an muss ich höllisch aufpassen, dass die Badezimmertür geschlossen ist, denn Lilly bedient sich regelmäßig an dem Eimer.

Genauso ist es bei dem Mülleimer in der Küche. Den hat sie damals regelmäßig im Wohnzimmer verteilt. Die Küche war damals offen, ohne Tür (selbst Schuld). Also kaufte ich mir einen großen, hohen Mülleimer, mit einem Schwingdeckel. Recht schwer und stabil. Ich dachte mir, den bekommt sie nicht auf. Tja, falsch gedacht. Einmal wohl beobachtet, wie der Mechanismus funktioniert, zack hat Lilly den Deckel einfach mit ihrem Kopf geöffnet und hatte wieder Erfolg. Seit dem habe ich eine Tür eingebaut, abe wehe ich vergesse diese zu zu machen. Lilly ist die erste, die sich dann an den Küchenutensilien bedient. Denn da gibt es ja nicht nur Mülleimer. Töpfe oder Pfannen, die auf dem Herd stehen, holt sie sich mit Leichtigkeit und Geschick herunter, kein Problem.

 

Also war mir klar, Lilly braucht Beschäftigung, gleichzeitig aber auch Ruhe, weil sie immer so hochfährt. Ich gestaltete die Spaziergänge anders, indem ich nur kurze, bekannte Strecken lief. Weiterhin musste die Aufregung vor dem Spaziergang reduziert werden. Ich musste erst einmal das Anziehen des Geschirrs üben. Dann wurde der Weg von meiner Haustür über den Hof bis zur Straße mit Leckerchen werfen belegt, damit sie nicht in das Dauergebell verfällt, Das suchen der Kekse beruhigte sie. Dazu habe ich ihr das Signal "Leise" beigebracht.

Mit der Zeit habe ich die Spaziergänge um weitere Wege erweitert, Click für Blick plus Alternativverhalten aufgebaut, Auslöser so weit es geht vermieden, was bedeutete, zu Zeiten Gassi gehen, wo nicht so viel Betrieb ist. Jeder Auslöser wie Mensch oder Hund wurden gegenkonditioniert.

 

Heute ist Lilly ein Hund, der zwar immer noch aufgeregt ist, wenn es zum Spaziergang los geht, aber sie läßt sich das Geschirr anstandslos anziehen, ohne abzuhauen, bellt nicht mehr dauerhaft wenn sie auf der Straße ist und an anderen Menschen geht sie einfach vorbei. Nur wenn diese stehen bleiben und sie direkt anschauen, bellt sie noch. Aber auch nur kurz, um sich danach zu mir zu wenden. Fremde Hunde werden auf Abstand beobachtet und nicht mehr angekläfft. Sogar kurze Distanzen, wenn es mal eng wird, meistert sie gelassen.

 

Im Freilauf geht sie anstandslos an Fahrradfahrern und Wanderen vorbei. Bei Hunden kommt es drauf an, was diese möchten und wie sie sich verhalten. Ist es ein Hund, der Interesse zeigt, ist sie freundlich und macht gerne Rennspiele. Steht der Hund nur dumm da und interessiert sich nicht für sie, macht sie das wahnsinnig, weil sie doch so gerne mit diesem rennen würde. Aber alles freundlich, nie mit Aggression.

 

Leider gab es mal vor zwei Jahren einen Vorfall, wo Lilly von einem Airdale Terrier angegriffen wurde. Er attackierte sie von hinten, als sie auf dem Rückweg zu mir war, nachdem ich sie gerufen hatte. Lilly wehrte sich auch nicht, legte sich sofort auf den Rücken und schrie. Ich konnte den anderen Hund packen und er lies darauf auch ab und lief zu seiner Besitzerin.

Lilly hatte eine kleine Wunde auf der Nase. Nach einer Entschuldigung und Nachfrage des Befinden von Lilly der Besitzerin des Airdales, gingen wir weiter. Lilly war davon wenig beeinduckt und machte weiter ihr Ding wie immer.

Trotzdem dachte ich mir:"Mist, hoffentlich machen wir jetzt keine Rückschritte im Training."

Das war Gott sei Dank aber nicht der Fall. Selbst als wir nocheinmal den Airdale einige Wochen später wieder im Dorf trafen, blieb Lilly ruhig, als sie ihn sah. Und auch mit anderen Hunden blieb alles gleich, kein Rückschritt.

 

Die Leinenführung war noch so ein Thema, was wir angehen mussten. Denn ohne gute Leinenführung kann man schlecht eine Leinenaggression beheben. Aber auch hier lernte Lilly recht schnell. Heute zieht sie nur noch ab und zu, besonders wenn sie an ihre Lieblingsstelle, ein großer Wallnussbaum am Spielplatz, hin möchte. Aber hier hat sie gelernt, ich muss mich erst mal brav hin setzen, dann darf ich hin.

 

Lilly ist kein einfacher Hund und ich bin froh, dass sie bei mir geblieben ist. Bei einem anderen Besitzer wäre ich nicht sicher, ob dieser die Probleme gemeistert hätte.

Doch Lilly hat auch ganz viel gute Seiten. Sie ist total verschmust und liebt es, mit mir zusammen auf der Couch oder im Bett zu kuscheln. Sie hört sehr gut und lernt sehr schnell, nicht nur Quatsch, sondern auch Signale, womit ich sie gut durch den Alltag führen kann. Sie kann oft Freilauf genießen, weil sie abrufbar ist. Und natürlich bringt sie mich jeden Tag zum lachen, wenn sie wieder etwas ausheckt.

Sie klaut immer noch Dinge, die ihr wertvoll sind. Aber ich habe mich damit abgefunden. Meistens lache ich mich auch darüber kaputt und freue mich, weil sie mich wieder ausgetrickst hat. Außerdem ist es meine eigene Schuld, wenn sie Erfolg hat, denn ich hätte es ja wegräumen können.

 

Wenn man einen Hund wie Lilly hat, fängt man irgendwann an, die Dinge im Leben anders zu sehen. Lilly hat mir gezeigt, dass man ab und zu den Alltag ruhiger angehen sollte. Sie hat mir auch gezeigt, mal nein zu sagen, wenn man etwas nicht möchte. Auch sollte man seine Bedürfnisse äußern und sie auch einfordern, egal was andere dazu sagen.

Früher wollte ich immer einen Hund, den man überall mit hinnehmen kann. Denn ich liebe die Anwesenheit meiner Hunde. Im Cafe oder Restaurant sitzen mit Hund, einen Stadtbummel mit Hund machen, Familienmitglieder mit Hund besuchen usw.

Dies alles war mir wichtig. Doch seit ich Lilly habe, denke ich da anders drüber. Solche Dinge gehen mit Lilly nicht, es überfordert sie. Mit Oskar, Lou und Henry geht das. Aber auch hier schaute ich genauer hin und stellte mir die Frage: Müssen das meine Hunde aushalten? Was haben sie für ein Nutzen daraus, außer meine Anwesenheit und nicht Zuhause allein sein zu müssen?

Natürlich ist es jetzt nicht so, dass ich diese Aktivitäten ganz ohne Hund mache. Aber ich überlege, welchen Hund ich mitnehme und schaue, wie ich es so angenehm wie möglich für den Hund machen kann. Eis essen oder Kaffee trinken muss man nicht an einem Tisch. Man kann auch To Go bestellen und sich dann etwas Abseitz von dem Getümmel mit dem Hund auf eine Parkbank setzen. Einen Stadtbummel muss man nicht in der Rush Hour machen, sondern zu Zeiten, wo weniger los ist. Und man muss nicht direkt durch die Fußgängerzone latschen, sondern man kann die Seitenwege laufen.

Freunde und Familienmitglieder besuche ich meistens ohne Hund, da mir dies oft selbst zu anstrengend ist. Obwohl meine Hunde fast überall willkommen sind. Nur zu meinem Papa fahre ich immer mit Hund, weil er selbst einen Beagle hat und wir dann zusammen Gassi gehen.

 

Doch mit Lilly wird das alles schwierig, daher lasse ich es. Sie muss das nicht können. Lilly fühlt sich Zuhause am wohlsten, zusammen mit ihren Kumpels und mit mir. Und ich selbst fühle mich eh am wohlsten, wenn es meinen Hunden gut geht.

 

Heute ist Lilly gut so wie sie ist. Wir haben viel erreicht und machen auch weiter so. Das wichtigste ist, dass Lilly unbeschwert durchs Leben gehen kann und nicht Alles und Jeden verbellen muss. Das haben wir erreicht. Besucher werden zwar immer noch angebellt, aber nur solange, bis sie den Keks raus rücken. Dann schließt Lilly Frieden. Und wer es geschafft hat, Lilly als Freundin zu gewinnen, der kann stolz auf sich sein, denn Lilly weiß genau, wer ein guter oder ein böser Mensch ist.

 

So, nun werde ich den Blog-Beitrag beenden, denn Lilly liegt bereits seit zwei Stunden geduldig neben meinem Stuhl und wartet, bis es endlich los geht, raus in den Wald. Das ist Lillys Welt, ruhig, entspannt und voller guter Gerüche. Danach wird sie zwar wieder ihren Bruder Lou vermöbeln, die Nachbarskatze verbellen, meinen Garten umbuddeln, alle Mülleimer ausräumen und mein Bett mit Schlamm versauen, aber so ist sie halt, die gute Krawallschachtel. Ohne Lilly wäre mein Leben zwar etwas ruhiger, dafür aber auch umso langweiliger.

 

In diesem Sinne, passt gut auf Eure Hunde auf.

 

Eure Diana mit Krawallschachtel Lilly und dem Rest der Bande