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Konfliktstrategien des Hundes in bedrohlichen Situationen - die 4 F´s


Dein Hund wird in seinem Leben immer wieder in Situationen kommen, die für ihn stressend oder unangenehm sind. Die Situationen können bedrohend sein und ihn ängstigen. Oft ist er dann überfordert.

Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wie Du die Situation einstufst, alleine Dein Hund entscheidet, was für ihn bedrohlich ist oder nicht. Ihm hilft es dabei nicht, wenn Du denkst "Das ist doch harmlos, komm, geh mal gucken".

 

Kommt Dein Hund in solche Situationen, spielt sich etwas in seinem Körper ab. Adrenalin wird ausgeschüttet und der Körper wird in Alarmbereitschaft gesetzt. Das Gehirn versucht, eine Strategie zu finden, um aus der bedrohlichen Situation herauszukommen, quasi nach dem Motto: "Rette dein Leben".

 

Dein Hund hat nun vier mögliche Strategien, um aus dieser Bedrohung heraus zu kommen:

 

  1. Fight - Kämpfen
  2. Flight - Flüchten
  3. Freeze - Einfrieren, Erstarren
  4. Fiddle about - herumalbern, Situation überspielen

 

Welche Strategie Dein Hund wählt, hängt davon ab, was er in seinem Leben erlebt hat, von seinem Charakter, seinem Gemütszustand in der jeweiligen Situation und von seiner Gesundheit.

Wenn die vorerst gewählte Strategie nicht zum Erfolg führt, wird er auf eine andere Strategie zurückgreifen, welche er bisher gelernt hat.

 

 

Fight - Kämpfen

 

Wenn die Distanz zum Auslöser zu gering ist, Dein Hund nicht ausweichen kann, die vorher gewählte Strategie keinen Erfolg zeigt, oder er keine andere Strategie gelernt hat, wird er Drohverhalten zeigen und nach vorne gehen. Sollte auch das Drohverhalten zu keinem Erfolg führen, kann es durchaus zum Kampf kommen.

 

Bevor es aber zum Kampf kommt, zeigt Dein Hund viele Signale wie fixieren, erstarren, angespannte Körperhaltung, Knurren, Zähne zeigen oder Bellen. Jeder Hund reagiert anders, daher ist es sehr wichtig, die Körpersignale Deines Hundes gut zu kennen.

Besoners wichtig dabei: Verbiete niemals diese Signale! Ein Hund der knurrt, kommuniziert. Und das ist gut so. Er zeigt dir oder dem Gegenüber damit, dass ihm gerade etwas nicht passt. Würdest Du dieses Knurren verbieten, wird Dein Hund irgendwann ohne dieses Warnzeichen schneller und früher zubeißen.

Das gilt auch für das Bellen und alle anderen, vorherigen Warnsignale.

Oft hört man Leute sagen:" Der hat ohne Vorwarnung zugebissen." Dies ist aber nicht ganz richtig. Ein Hund warnt immer vor.

Entweder, man konnte die Warnsignale vorher nicht richtig deuten, oder es wurde dem Hund schlichtweg abtrainiert. Aber auch einem Hund, dem das Bellen und das Knurren abtrainiert wurde, zeigt Warnsignale. Ein fixieren des Auslösers z.B., welches aber oft nicht wahrgenommen wird, weil es ruhig abläuft. Wir Menschen neigen dazu, erst zu regieren, wenn wir etwas vom Hund hören. Dabei müssen wir uns schulen, genauer hinzuschauen. Ein Hund kommuniziert nun Mal nicht nur über Laute, sondern viel mehr über die Körpersprache.

 

Wichtig zu wissen ist auch, dass Dein Hund das niemals tut, weil er stark oder dominant ist. Vielmehr ist es für ihn in dieser Situation die einzige Chance, aus der Situation heraus zu kommen.

 

Deine Aufgabe ist es, die Körpersprache genau zu lesen und Deinem Hund aus solchen Situationen heraus zu helfen, damit er diese Strategie nicht anwenden muss. Die einfachste Möglichkeit wäre, den Hund nicht in die Situation hinein zu zwingen, sondern aus der Situation hinaus zu gehen, Abstand zum Auslöser. Und mit gezieltem Training kann man dem Hund andere Strategiemöglichkeiten zeigen, indem man die noch vernünftigen Warnsignale, die vor dem unerwünschten Verhalten gezeigt werden, verstärkt.

 

 

Flight - Flüchten

 

Dies kann eine einfache Strategie für Deinen Hund sein. Durch Ausweichen oder Weggehen kann er die Situation verlassen. Dies bedeutet nicht zwingend, dass er weg rennt. Er kann in genügend Abstand vor dem Auslöser stehen bleiben und sich dann abwenden, er kann einen großen Bogen machen oder sich auch verstecken.

 

Leider ist es Deinem Hund im Alltag mit uns oft nicht möglich, diese Strategie anzuwenden, da er z.B. an der Leine ist oder in beengten Räumen.

 

Wird Dein Hund in solch eine Situation gedrängt und kann nicht ausweichen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er die Startegie Fight wählt.

 

 

Freeze - Einfrieren, Erstarren

 

Bei dieser Strategie wird Dein Hund total steif. Dein Hund zeigt keinerlei Bewegung. Manchmal dauert das Einfrieren nur ein paar Sekunden, manchmal auch solange, bis die Situation zu Ende ist.

Vielen Hundehaltern ist gar nicht bewusst, was Der Hund da gerade tut, denn er tut ja nichts. Aber im inneren des Hundes spielt sich sehr viel ab und er ist überfordert. Gerade dieses Erstarren sollte besonders ernst genommen werden.

 

Aus diesem Erstarren kann jederzeit auch eine andere Reaktion der 4F´s entstehen!

 

 

Fiddle about - herumalbern, Situation überspielen

 

Hier zeigt Dein Hund Verhalten, was gar nicht richtig zur Situation passt. Er fängt an, herum zu albern. Das kann z.B. ein Kratzen, ein Bellen, ein Buddeln, ein Herumtollen, ein Schnüffeln oder aber auch ein vermehrtes Urinieren sein.

Damit will Dein Hund die unangenehme Situation überspielen.

Man kennt das von sich selbst auch. Wenn ich in einer mir unangenehmen Situation bin, fange ich an, an meinen Haaren rum zu spielen. Oder ich habe einen Vorgesetzten auf meiner Arbeit, den kann ich auf den Tod nicht leiden. Manchmal muss ich aber mit ihm kommunizieren, was mir wirklich unangenehm ist. Aber um nicht sofort auszurasten (Fight), drehe ich das Gespräch immer so, dass es albern wird (Fiddle about).

So ähnlich ist das bei unseren Hunden auch. Sie versuchen die unangenehme Situation zu überspielen, um heil aus der Situation heraus zu kommen.

 

Was Dein Hund in dieser Situation auch vermehrt zeigt, sind deeskalierende Verhaltensweisen, wie z.B. Kopf abwenden, züngeln oder sich auf den Rücken legen. Hiermit versucht er freundlich die Situation zu regeln.

 

Manchmal zeigen Hunde auch die sogenannte Spielaufforderung, Vorderkörper runter, Hinterteil hoch. Man könnte dann zuerst meinen, das alles gut ist und der Hund spielen will. Und es folgt dann auch oft ein sog. Scheinspiel. Aber wenn man genau hinsieht, ist dies dann eher ein Hetzen des auffordernden Hundes und hat in diesem Moment nichts mit Spiel zu tun.

 

Wenn Du dies beobachtest, es folgen keine weiteren Spielsequenzen, solltest Du freundlich die Situation auflösen.

 

Auch hier kann bei nicht Erfolg  andere Strategien der 4F´s entstehen!

 

 

Leider kommt es im Alltag recht häufig vor, das Hundehalter diese 4F´s einfach nicht kennen und auch die Körpersignale des Hundes nicht richtig deuten können. Dadurch entstehen viele Verhaltensprobleme bei den Hunden.

Das beste Beispiel ist die Leinenaggression. Hier wurde der Hund durch die Leine immer wieder in Situationen gebracht, die er nicht meistern konnte.

Normalerweise würden Hund bei Fremdhundebegegnungen ausweichen. Können sie aber durch die Leine oft nicht. Also kann die Strategie Flight schonmal nicht helfen. Vielleicht erstarrt der Hund beim nächsten Mal dann einfach, bleibt stehen und geht keinen Schritt mehr weiter. Was tun wir dann? Wir ziehen den Hund einfach mit. Freeze ist somit dann auch nicht möglich. Manche Hunde fangen dann an, in die Leine zu beißen, hochzuspringen oder kläffen den Besitzer an. Spätesten dann wird es uns dann zu bunt und der Hund wird gemaßregelt. Fiddle about also auch nicht gut.

Somit bleibt dem Hund dann nur noch eine Möglichkeit - Fight. Und genau das hat großen Erfolg, denn entweder entfernt der Auslöser sich dann von selbst, oder wir gehen dann mit dem Hund weg, weil wir Angst haben, er könnte jemanden verletzen.

 

Also, was hat der Hund dann gelernt? Wenn Flight, Freeze und Fiddle about nichts bringt, dann geh ich auf Angriff.

 

Was können wir also tun? Egal welche Strategie Dein Hund wählt, bedenke, dass es ihm unangenehm ist und Du dafür sorgen musst, ihm zu helfen. Erkenne die Körpersignale, fange gutes Verhalten ein und dränge ihn nicht in solche Situationen.

 

Wenn ein Hund immer gelernt hat, nach vorne zu gehen, muss man ihm beibringen, andere Strategien anzuwenden. Man muss seinem Hund zeigen, dass es völlig ok ist, wenn er ausweichen will. Auch ist es völlig ok, wenn er knurrt oder bellt.

 

Wenn einer meiner Hunde knurrt, lobe ich dies. Denn erstens hat er mir zu verstehen gegeben, dass gerade etwas komisch ist und ich zu spät reagiert habe, aber jetzt schnell die Situation verlassen sollte, und zweitens ist mir ein Knurren oder ein Bellen lieber, wie ein Schnappen.

Wenn mein Hund einen Bogen läuft, oder plötzlich stehen bleibt und fixiert, lobe ich auch dies und gehe mit ihm einen Bogen oder bleibe stehen.

Wenn mein Hund von einem anderen Hund gehetzt wird, oder mein Hund hetzt einen anderen Hund, unterbreche ich dies freundlich und gehe aus der Situation heraus.

Auch wenn mein Hund in einer freundlichen Hundebegegnung ist und es zu keinen unangenehmen Situationen kommt, belohne ich jede freundliche Interaktion.

Jedes deeskalierende Verhalten von meinem Hund wird belohnt.

 

Komme ich aber doch mit meinem Hund in eine Situation, wo er unerwünschtes Verhalten zeigt, weil ich zu spät reagiert habe oder die Situation plötzlich auftaucht und ich keine Zeit mehr hatte zu reagieren, schimpfe ich meinen Hund nicht, sondern gehe ruhig und bestimmt aus der Situation heraus, beruhige meinen Hund und überdenke anschließend noch einmal, was man hätte besser machen können.

 

Der Hund hat keine Schuld! Wir sind es, die verantwortungsvoll in solchen Situationen agieren müssen und unseren Hunden in unangenehmen Situationen helfen müssen.