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Positiv Grenzen setzen - ist das möglich?

Immer wieder werde ich mit der Frage konfrontiert, wie ich denn als positiver Trainer Grenzen setzen kann. Viele Unwissenden denken, wir füttern alles schön und lenken unsere Hunde mit Leckerchen ab. Genauso werden wir Positivler belächelt, wenn wir sagen, wir arbeiten nicht mit Strafe.

 

Dieses Denken kommt meistens von Menschen, die sich gar nicht mit dem Thema positive Verstärkung und dem Training, was damit zusammen hängt, auskennen.

 

Natürlich arbeiten wir mit Leckerchen. Aber nicht nur. Wenn man bedürfnisorientiert handelt, braucht man bei Weitem mehr, als einen gefüllten Leckerchenbeutel.

Wie setzen auch die Leckerchen nicht ein, um den Hund abzulenken. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir lehren den Hund, sich mit der Situation auseinander setzen zu können, bringen ihm Alternativen bei und dieses wird dann belohnt. Sei es mit Leckerchen oder mit anderen Belohnungen, passend zum Bedürfnis des Hundes.

 

Und auch wir arbeiten mit Strafe. Aber eben nicht mit aversiven Methoden, die den Hund ängstigen, ihm Schmerzen zufügen, ihn massiv unter Stress setzen oder ihn in eine erlernte Hilflosigkeit zwingen.

 

Auch wir unterbrechen unerwünschtes Verhalten. Ist doch logisch, wir möchten ja auch nicht, dass unser Hund Jogger hetzt, uns an der Leine hinter her zerrt, uns das Essen vom Teller klaut, oder die Nachbarskinder als Trampolin benutzt.

 

Doch wie ist das machbar?

 

Zunächst einmal sollte man sich klar machen, was unser Hund darf und was nicht. Jeder von uns hat da so seine eigenen Vorstellungen. Bei dem einen darf der Hund aufs Sofa, bei dem anderen nicht. Dann darf der Hund etwas vom Essen der Besitzer abhaben, bei dem anderen wieder nicht, usw.

Dann gibt es Dinge, die sollte ein Hund generell nicht tun, wie Fahrradfahrer vom Fahrrad runter holen, Wild hinter her hetzen, Besucher beißen oder auf jeden fremden Hund losgehen, der uns entgegen kommt.

 

Unsere Aufgabe ist es, dem Hund diese Grenzen zu vermitteln. Und zwar freundlich, aber konsequent.  Mit Konsequenz meine ich nicht Härte und Strenge, sondern das man klar und deutlich daran festhält. Darf der Hund beim Spaziergang einmal ziehen, einmal nicht, ist das nicht konsequent. Genauso ist es, wenn der Hund einmal an uns hochspringen darf, weil wir gerade in Stimmung sind, aber beim nächsten Mal wird er für dieses Verhalten bestraft.

Der Hund bekommt so keine klaren Regeln und kann sich somit nicht an uns orientieren. Wir werden unzuverlässig und er weiß einfach nicht, was er zu tun hat.

 

Deshalb müssen wir uns erst einmal bewußt machen, welches Verhalten denn wirklich erwünscht ist, oder eben nicht.

 

Möchte ich z.B nicht, dass mein Hund etwas vom Esstisch bekommt, dann darf ich ihm auch nichts abgeben. Niemals. Auch andere Familienmitglieder oder Besucher dürfen dies nicht tun. Ziehe ich dies durch, wird der Hund schnell lernen, dass es sich nicht lohnt zu betteln. Bin ich aber inkonsequent und es fällt ab und zu doch mal etwas ab, dann darf ich mich nicht wundern, dass mein Hund ständig am Tisch sitzt und etwas haben möchte.

 

Grenzen setzen finde ich auch sehr wichtig. Denn wenn der Hund gelernt hat, diese einzuhalten, dann bekommt er gleichzeitig auch mehr Freiraum. Ein Hund, der gelernt hat, im Wald auf den Wegen zu bleiben und nicht ins Unterholz zu verschwinden, kann somit öfter abgeleint werden.

Ein Hund, der gelernt hat, auf seinem Platz liegen zu bleiben, wärend wir am Esstisch sitzen, darf sich danach auf eine tolle Kaustange freuen.

Ein Hund, der gelernt hat, nicht an Besuchern hochzuspringen, muss nicht im Nebenzimmer eingesperrt werden, sondern darf frei herum laufen und kann sich sogar Streicheleinheiten abholen, wenn er es möchte.

 

Doch wie setze ich dies nun um?

 

Grenzen müssen erst einmal erlernt werden. Woher soll der Hund denn wissen, was er darf und was nicht?

 

Zuerst einmal bitte ich Euch, alte Regeln wie die Rudeltheorie und Dominanztheorie abzuschütteln. Ein Hund lernt keine Grenzen, weil wir ihm vermitteln, dass wir der Chef sind. Dies ist sehr veraltet und schafft nur neue Probleme.

 

Warum? Wenn wir uns mal ein paar dieser veralteten Regeln anschauen, müsstet Ihr folgendes tun:

 

Immer vor dem Hund essen

Der Hund darf nicht aufs Sofa oder ins Bett

Nicht dauerhaft mit dem Hund reden

Ihr bestimmt, wann Kontakt zum Hund aufgenommen wird, niemals der Hund

Der Hund geht immer nach Euch aus der Tür

Beim Spaziergang läuft der Hund hinter Euch

Der Hund muss zu jeder Zeit sich seine Ressourcen abnehmen lassen

Markiert der Hund, markiert ihr drüber (diese Regel gibt es tatsächlich, kein Witz)

Ihr füttert anonym (das Futter wird zubereitet, ohne das der Hund dies mitbekommt. Dann wird der Napf zufällig irgendwo hingestellt, auch das bekommt der Hund nicht mit. Irgendwann findet der Hund den Napf und darf essen. Hier soll der Hund nicht wissen, dass das Futter von Euch kommt, denn angeblich gibt der Rudelchef sein Futter niemals ab.)

Der Hund darf nicht auf erhöhten Liegeplätzen liegen und auch nicht im Eingangsbereich und nicht im Durchgangsbereich.

 

So, vorausgesetzt, ihr könnt alles durchsetzen, müsste ja eigentlich Euer Hund alleine durch diese Regeln wissen, dass er nur nach Anweisung des Rudelchefs, also Euch, handeln darf. Er müsste ja Eure Regeln aktzeptieren, weil Ihr ihm eine klare Führung gebt.

Nachdem Ihr dies so ca. 3 Wochen durchgezogen habt, geht Ihr nun mit Eurem Hund spazieren und leint ihn ab. 10 Meter weiter sitzt eine Katze. Wer nun glaubt, dass sein Hund nicht der Katze hinter her rennen wird, der sollte sich schleunigst mit dem Thema Verhaltenstherapie vertraut machen.

 

Wer nun schmunzelt und weiß, dass sein Hund mega Spaß daran haben wird, die Katze auf einen Baum zu jagen, der ist schon ein paar Schritte weiter.

 

Also, weg damit und auf zu neuen Ansätzen!

 

Es gibt drei Wege, wie ich Grenzen im Hundetraining setzen kann.

 

1. Management

Management ist kein Training. Es macht zunächst einmal unerwünschtes Verhalten unmöglich.

Beispiele:

Eine Schleppleine verhindert, dass der Hund unkontrolliert jagen geht.

Ein Maulkorb verhindert, dass der Hund zubeißt

Ein Kindergitter verhindert, dass der Hund in die Küche kann, um dort die Arbeitsplatte leer zu fegen

 

2. Vorher positiv aufgebaute Abbruchsignale

Mit Abbruchsignalen, die vorher positiv aufgebaut wurden, kann man ein unerwünschtes Verhalten stoppen.

Beispiele: Der Hund buddelt nach Mäusen. Mit einem gut aufgebauten Geschirrgriff können wir ihn von dem Mauseloch weg holen, oder zumindest kurz stoppen, bis wir ihn von dort einsammeln.

Wir laufen auf einem Feldweg, rechts das Feld wurde gerade frisch eingedüngt. Unser Hund steuert gerade wegs darauf zu. Mit einem Signal "Raus da" können wir ihm sagen, dass er diese Feld nicht betreten soll.

Unser Hund ist im Freilauf und etwas weiter entfernt spielen Kinder mit einem Ball. Unser Hund sieht dies und will dort hin laufen. Mit einem "Stopp!" bringen wir ihn dazu, stehen zu bleiben.

Unsere Schwiegermutter hat sich angekündigt und kommt zur Tür herein, eine frisch gewaschene, weiße Leinenhose an. Unser Hund freut sich und will an ihr hochspringen. Mit unserem Umorientierungssignal können wir den Hund von ihr abwenden, damit er seine Matschpfoten nicht an der Hose abwischt.

Der Hund lernt so aber nicht, was er nicht machen soll, sondern nur, dass er mit etwas aufhören soll. Daher ist es wichtig, so wenig wie nötig diese Abbruchsignale einzusetzen.

 

3. Erwünschtes Verhalten einfangen und bestärken, bevor der Hund ins unerwünschte Verhalten kommt

Hört sich erst einmal komisch an, oder?

Aber es ist eigentlich gar nicht so unverständlich, wenn man mal genauer hinschaut und bereit ist, umzudenken.

Umdenken? Womit?

Wir Menschen neigen dazu, erst dann zu reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Der Hund springt an uns oder Besuchern hoch und wird dafür bestraft.

Der Hund zieht an der Leine und bekommt dafür einen Leinenruck.

Der Hund bellt am Gartenzaun und wird dafür mit der Wasserspritzpistole drangsaliert.

Der Hund bekommt einen Kauknochen und geht damit auf seinen Platz. Das Kind will in dem Moment mit dem Hund kuscheln und geht auf den Hund zu. Der Hund knurrt und wendet sich ab. Das Kind geht trotzdem weiter und will den Hund anfassen. Der Hund schnappt nach dem Kind und verletzt es im Gesicht. Die Eltern kommen angerannt und schimpfen den Hund, werfen ihn raus. Im günstigsten Fall für den Hund suchen sie einen kompetenten Trainer auf. Im ungünstigsten Fall wird der Hund eingeschläfert.

 

Diese unerwünschetn Verhaltensweisen des Hundes können alle verhindert werden, wenn man vor dem unerwünschten Verhalten das erwünschte Verhalten erkennt und belohnt.

 

Wenn der Hund hochspringt, zeigt er vor dem Anspringen erwünschtes Verhalten, nämlich steht er vorher mit allen vier Pfoten auf dem Boden. Dies kann man belohnen. Viel besser ist es, man reagiert schon viel früher, denn man weiß ja was passiert. Der Hund springt ja nicht erst seit gestern, sondern schon eine lange Zeit vorher. Man gibt dem Hund eine Alternative zum Anspringen. Denn was möchte der Hund denn mit dem Anspringen erreichen?

In den meisten Fällen ist es aus Freude und er will Kontakt. Er will gestreichelt werden und Aufmerksamkeit.

 

Also kann man dem Hund ein Alternativverhalten geben, wie z.B. ein "Sitz". Dieses wird dann verstärkt und im Anschluss belohnt. Und was wäre in dem Moment die passende Belohnung? Richtig, die Aufmerksamkeit, die wir unserem Hund dann schenken, wie streicheln und knuddeln.

 

Also, Hund kommt auf uns zu, es folgt das Signal "Sitz", wenn der Hund sitzt ertönt der Marker (Hey, das hast du toll gemacht) und darauf folgt die Belohnung, das kuscheln.

 

Wenn wir mit unserem Hund an der Leine laufen und er zieht, neigen wir dazu, ihn zurück zu zerren. Oder wir schreien ihn an, weil es uns einfach nervt. Bei großen Hunden tut es auch mit der Zeit einfach weh. Aber auch hier kann man das Augenmerk darauf legen, das erwünschte Verhalten einzufangen. Denn bei jedem Leinenzieher gibt es auch mal den Moment der lockeren Leine. Genau dann, wenn der Hund zum pinkeln oder schnüffeln stehen bleibt und wir weiter gehen. Genau der Moment, wenn die Leine locker ist, wird dann verstärkt und belohnt.

Doch genau hier müssen wir unserem Hund auch einmal eine Grenze setzen, wenn er ständig zieht. Aber nicht mit einem Leinenruck. Denn das ist unfair und ist mit unangenehmen Gefühlen verknüpft. Sobald die Leine sich spannt, bleiben wir einfach stehen. Gehen keinen Schritt mehr weiter. Wir warten, bis der Hund sich von alleine zurücknimmt und die Leine lockert und gehen erst dann weiter. So können wir dem Hund sagen, bis hier hin und nicht weiter. Verhalte Dich entsprechend, sonst kommst Du nicht ans Ziel. Dies hat auch den Vorteil, dass der Hund selbständig mitdenken muss und wir ihm nicht alles vorgeben.

 

Durch gezieltes Training kann man dem Hund beibringen, erst gar nicht eine Grenze zu überschreiten. Doch dazu müssen wir uns erst einmal bewusst machen, das ein unerwünschtes Verhalten nicht isoliert auftritt, sondern ein Teil einer Verhaltenskette ist.

 

Erstes Beispiel:

 

Situation: Ihr seit mit Eurem Hund im Wald unterwegs.

- Der Hund schnüffelt am Boden, er nimmt eine Fährte auf und schnüffelt intensiver

- er bleibt stehen und hebt den Kopf in eine bestimmte Richtung und wittert

- der Hund hetzt los

 

Zweites Beispiel:

 

Situation: Ihr lauft mit Eurem angeleinten Hund die Straße entlang. Auf der anderen Seite taucht ein fremder Hund mit seinem Besitzer auf.

- Dein Hund nimmt den fremden Hund war und schaut ruhig zu ihm

- Dein Hund bleibt stehen

- Dein Hund wird steif

- Dein Hund fixiert

- Dein Hund knurrt

- Dein Hund geht bellend in die Leine und rastet völlig aus

 

Um nun positiv Grenzen setzen zu können, müssen wir diese Verhaltenskette unterbrechen und dann reagieren, wenn der Hund noch ansprechbar ist und noch erwünschtes Verhalten zeigt. Im ersten Beispiel wäre dies spätestens dann, wenn er stehen bleibt und wittert.

Im zweiten Beispiel wäre dies schon dann, wenn der Hund stehen bleibt.

Viel besser wäre es natürlich, schon zu reagieren, wenn der Hund intensiv schnuppert oder nur den anderen Hund ruhig anschaut.

 

Verstärken wir immer das erwünschte Verhalten, veringern wir immer mehr die Wahrscheinlichkeit, dass der Hund doch ins unerwünschte Verhalten kommt.

 

Im ersten Beispiel würden wir das Schnüffeln und das Suchen verstärken, was ja gutes Verhalten ist. Der Hund soll sich ja damit beschäftigen. Aber wir möchten ja nicht, dass er Wild hinter her hetzt. Also müssen wir jedes Verhalten des Hundes VOR dem Hetzen belohnen und für das Hetzen eine passende Alternative finden.

Denn das Hetzen ist für den Hund selbstbelohnend und es muss schon einen guten Grund für ihn geben, dies zu lassen.

So könnte es aussehen:

 

Der Hund schnüffelt noch einigermaßen ruhig vor sich her. Super, dies wird belohnt, indem wir ihm weitere Dinge zu Suchen geben, wie eine Hand voll Leckerchen oder einen Dummy. Merkt man, dass der Hund intensiver wird im Suchen und auch aufgeregter, gibt man ihm ein Signal, welches vorher überlegt und aufgebaut wurde. Entweder ein "Sitz", "Platz" oder einen "Handtouch". Oder man kann dem Hund auch ein Signal zum anzeigen beibringen, wie z. B. das "Scan". Hier lernt der Hund, das Wild nur anzuschauen. Reagiert der Hund zuverlässig auf das Signal, wird er bei uns belohnt, mit einer Alternative zum Hetzen. Dies kann ein Rennspiel zusammen mit dem Besitzer sein, ein Spiel mit dem Dummy, einem Ball hinter her rennen oder aber man wirft mehrere Kekse weg, damit der Hund diesen hinter her rennen kann.

 

Im zweiten Beispiel würden wir das ruhige Anschauen und ruhiges Verhalten verstärken. Da aber gerade die Leinenaggression sehr vielfältig ist, möchte ich gar nicht genauer auf das Training an sich eingehen, sondern einfach nur darauf hinweisen, dass man besonders hier seinen Hund genau beobachten muss, um zu wissen, auf welchen Abstand er zu dem Auslöser welches Verhalten zeigt.

Gibt man dem Hund seine Individualdistanz und verstärkt ruhiges Verhalten immer wieder, bekommt man mit der Zeit einen Hund, der auch mit wenig Abstand an anderen Hunden vorbei gehen kann ohne auszurasten.

 

Wie man sieht, geht dies alles ohne Härte und Strenge. Man muss nur bewußt an die Sache heran gehen, genau wissen, welche Grenzen man setzen will und klar und deutlich mit dem Hund kommunizieren.

 

Eine Kombination aller drei Möglichkeiten ist die Basis eines guten Trainings.

 

Doch ohne Strafe geht es auch in meinem Training nicht. Allerdings nutze ich keine Strafe, die meinem Hund Schmerzen zufügt, ihn ängstigt oder ihn gar zu einem Hund macht, der innerlich gebrochen ist.

 

Strafe funktioniert, das ist klar. Die Frage ist nur, zu welchem Preis?

Wer die Regeln der Strafe genau kennt, weiß auch, dass man diese nicht einsetzen muss, weil man weiß, wie es besser geht.

 

Ich selbst sage immer, jemand der Strafe im Training bewußt einsetzt, zeigt mir eigentlich nur, wie hilflos er ist.

 

Wir verlangen von unseren Hunden immer, dass sie funktionieren sollen. Dann müssen wir aber auch so fair sein, ihnen die Möglichkeit zu geben, dies so zu schaffen, dass sie Freude daran haben. Wir müssen sie dabei unterstützen und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Wir dürfen sie nicht in Situationen zwingen, die sie nicht schaffen können.

 

Deshalb - Grenzen setzen ja. Aber immer fair und freundlich. Denn das stärkt die Beziehung und wir bekommen einen guten, treuen und liebevollen Begleiter an unsere Seite, der sein Leben lang alles für uns tun würde.

 

In diesem Sinne, schöne wuffige Grüße von Diana und ihren Hundeschnauzen