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Ich und Martin Rütter - Warum meine Impulskontrolle bei diesem Thema sofort aufgebraucht ist

Wenn ich als Hundetrainerin zu neuen Kunden komme, werde ich oft gefragt, wie ich denn eigentlich den Herrn Rütter finde. 

Mit einem nervigen Augenrollen antworte ich dann als erstes immer:" Ein sympatischer Entertainer. Die Shows von ihm finde ich witzig." 

Da dies meist aber nicht die Antwort ist, was die Kunden hören wollen, schiebe ich meistens noch mit einem schmunzeln hinter her:" Irgendwas muss er ja können, um sich so erfolgreich und hartnäckig im Fernseh halten zu können." 


Die meisten Kunden lachen dann und verstehen, was ich damit sagen will. 


Natürlich erkläre ich dann aber auch, warum ich kein Anhänger seines Trainings bin. 

Witzig finde ich immer, was danach kommt.


Die Kunden beichten mir dann meist folgendes:

Man probierte auch mal die Wasserspritzpistole, man warf auch ein paar Mal den Futterbeutel oder man schickte den Hund bei Besuch immer wieder zurück auf seinen Platz. Meistens mit mäßigem Erfolg. 


Nachdem dann darüber gelacht wird, erkläre ich dann, warum. Und dann kommt Gott sei Dank auch der Aha-Effekt. 


Und dann kann es losgehen, mit unserem individuellen Training und das Thema Rütter ist dann Geschichte. 


Aber es gibt ja nicht nur Kunden. Es gibt den Alltag. Und in meinem Umfeld wissen ja nun mal auch die meisten, dass ich Hundetrainerin bin. Und da ist es ja auch völlig normal, dass ich gefragt werde, was ich von Rütter so halte.  


Nun, ich versuche mal, es mit meinen Worten zu erklären. 


Ich kenne fast alle Folgen von dem Hundeprofi. Klar habe ich mir diese auch angeschaut. Aber nicht, weil ich das Training so toll finde, sondern weil ich diese Show für mich nutze, um selbst die Fälle zu analysieren und zu gucken, wie würde ich denn das Problem angehen. 

Außerdem schaue ich mir die Hunde ganz genau an, um die Körpersprache zu deuten. 


Und eben genau dabei fallen mir unzählige Dinge auf. 

Ich finde, Herr Rütter erkennt ganz oft das Problem und deutet es auch richtig. Gut finde ich auch, dass er den Menschen direkt, aber freundlich, sagt, was sie verkehrt gemacht haben. 

Auch gut finde ich, dass er immer wieder betont, dass das Training ein langer Weg sein wird und nicht innerhalb von zwei Wochen behoben sein wird. Obwohl genau das erst in den neueren Folgen erwähnt wird, wahrscheinlich, weil es dazu oft Kritik gab. Aber gut, wenigstens klärt er da nun auf. 


Auch mag ich seine Art. Er ist mir total sympatisch, er ist witzig und ich höre ihm auch gerne beim Reden zu. 

Bei Interviews im Fernseh denke ich oft:"Ja, bin ganz Deiner Meinung." 


Auch seinem Trainingskonzept stimme ich teils zu. Dort wird erklärt, dass Hund und Halter ein Team sein sollen und miteinander arbeiten müssen. Jedes Mensch-Hund-Team soll individuell betrachtet werden. 

Der Mensch soll seinen Hund besser verstehen und wird in der Körpersprache geschult. 

Veraltete Trainingsmethoden wie Leinenruck, Stachelhalsband und Kadaver-Gehorsam lehnt er ab.


Ja, das sollte so sein. Aber hier hat Herr Rütter das Rad nicht neu erfunden. Jeder gute Hundetrainer, weiß das und handelt danach. Für mich ein bitterer Beigeschmack, dass Herr Rütter damit wirbt, ein eigenes Konzept entwickelt zu haben. 

Hat er nicht, sondern er benannte es nur neu. 


Dog Orientated Guiding System, kurz DOGS

genannt. 


So machen es viele Hundetrainer. Nehmen alte Dinge, geben dem Kind einen Namen und verkaufen es dann als ihr neues Konzept. Und schon rollt der Rubel. 

Daran ist ja auch nichts verwerfliches. Sowas gibt es ja nicht nur in der Hundeszene. 

Und solange Menschen darauf rein fallen und Geld dafür ausgeben, so what? 


Nun aber mal zu den nicht so tollen Dingen von Herrn Rütter, die mich jedesmal zur Weißglut bringen. 


Er sagt, der Hund müsse individuell betrachtet werden. Richtig. Aber nicht nur der Hund, sondern auch seine Halter und sein Umfeld.

Es nützt ja nichts, wenn man den Hund mit Rennspielen glücklich machen kann, der Halter aber eine Gehbehinderung hat. 

Oder wenn ein Halter durch schlechte Erfahrung so ängstlich geworden ist,  kann man ihm nicht sagen, jetzt vertrau doch mal mehr Deinem Hund und lass ihm mehr Freiraum. Da muss man an anderer Stelle ansetzen. 


Auch beteuert er, alte Trainingsmethoden sollte man nicht einsetzen. Richtig. 

Trotzdem tut er es oft. 

Er benutzt Erziehungsgeschirre, Wasserspritzpistolen, wirft Hunde mit Bällen ab, blockiert sie körpersprachlich und setzt Sozialentzug ein. 

Leider denken viele Menschen noch, dies alles sei normal und schadet dem Hund ja nicht.

Ach, so bisschen Wasser ist doch nicht schlimm und tut nicht weh. 

Ach, so ein 50 kg Hund merkt doch gar nicht, wenn sich seine Schulterblätter zuziehen. 

Ach, ist doch nicht schlimm, wenn er immer weggedrängt wird. 

Ach, wenn der Hund mal ignoriert wird, dann kommt er schon zur Ruhe.  


Das alles sind aversive Trainingsmethoden! 


Gute Trainer wissen, dass man dies nicht braucht und kennen Alternativen. 


Auch Herr Rütter kennt Alternativen. Den Futterdummmy oder den Ball. Dieses soll den Hund davon abhalten, auf andere Hunde los zu gehen, nicht vom Grundstück weg zu rennen oder keine Autos und Jogger zu hetzen. 

Das mag ja auch alles ganz lustig für den Hund sein. Oft klappt es ja auch, wie man so schön im Fernseh sehen kann. 

Doch was passiert, wenn man mal keinen Dummy oder Ball dabei hat? 

Soll man ein ganzes Hundeleben diese Utensilien mitschleppen? 

Was passiert, wenn der Hund irgendwann das Interesse daran verliert? 


Eine Alternative aufzubauen, die dem Hund sagt, zeige nicht Dein unerwünschtes Verhalten, sondern tue stattdessen etwas anderes, ist sinnvoll. 

Allerdings muss dies an die Bedürfnisse des Hundes angepasst sein. 

Einem Hund, der an der Leine Radau macht, wenn er fremde Hunde sieht, bringt es auf Dauer nichts, einem Dummy hinter her zu laufen. 

Man muss wissen, warum tut der Hund das. Was ist seine Motivation? Will er Abstand? Dann wäre eine gute Alternative weg vom Auslöser zu gehen. Man läuft einen Bogen, dreht in die andere Richtung ab, bringt den Hund auf die abgewandte Seite des Auslösers, etc. 

Den Hund mit einem Dummy von der Situation weglocken,  nichts anderes ist es, ist nicht bei jedem Hund sinnvoll. Zum einen setzt der Hund sich nicht mit der Situation auseinander, zum anderen könnte hier eine zweite Komponente ins Spiel kommen, die wiederum zu unerwünschten Verhalten führen kann: Ressourcenverteidigung. Ganz schlecht bei Hundebegegnungen!


Dummytraining kann toll sein. Gar keine Frage. Es ist Beschäftigung, Teamarbeit und Auslastung. Zudem fördert es die Konzentration, Impulskontrolle und gibt unsicheren Hunden mehr Selbstvertrauen. 

Aber bitte nicht im Begegnungstraining, sondern im eigenständigen Training Zuhause oder in der Hundeschule. 


Was mir bei Herrn Rütter auch immer auffällt, er erkennt das Problem, erkennt auch oft den Ursprung des Verhaltens, aber verkackt dann völlig im Umsatz des Trainings.


Gerade gestern wieder in einer Folge gesehen. 

Eine Hündin haute ständig vom Grundstück ab, sobald dieTür auf war. 

Herr Rütter schätzte die Hündin und die Situation ganz gut ein, stellte Fragen, die ich auch gefragt hätte, wie z.b. wie lange ist sie weg, geht sie nur streunern oder sucht sie gezielt nach etwas. 

Bis dahin gut. 

Dann machte er einen Test mit Wurstwasser und Wurststückchen, welches er im Hof verteilte. Da fing ich mich schon an zu wundern. 

Na gut, die Hündin durfte dann auch suchen, schnüffeln und fressen. 

Dann sollten die Besitzer versuchen,den Hund zu sich zu rufen. Hat nicht geklappt. 

Oh Wunder.  

Herr Rütter nahm dies zum Anlass, den Besitzern zu sagen, dass der Hund Null Grundgehorsam hat. 

Hä? 

Wenn mein Hof voller Wurst wäre, würden meine Hunde mir auch den Stinkefinger zeigen und erst mal genüsslich futtern. 


Meine Beobachtungen waren etwas anders. Die Hündin reagierte schon auf die Rufe, mit gespitzten Ohren, Abwenden vom Futter und Blick zum Besitzer. Allerdings wurde sie durch die bedrohliche Körpersprache und der lauten und ärgerlichen Betonungen der Signale gehemmt. 

Da hätte ich als Trainer schon angesetzt und den Leuten erklärt, dass sie ihre Stimme freundlicher, und die Körpersprache nicht so bedrohlich gestalten sollten. 

Merkt das Herr Rütter gar nicht, oder ist im Fernseh dafür keine Zeit, um diese Probleme anzusprechen? 


Nun gut, weiter ging es dann mit dem Trainingsplan. Wer hätte es gedacht? Der Futterdummy kam auch hier zum Einsatz. 

Es sollte von nun an im Hof an der Leine mit dem Dummy trainiert werden. Sinn dahinter war wohl, dass die Hündin nicht sofort aus der Haustür raus lief und weg auf die Straße läuft, sondern erst mal im Hof nach tollen Dingen suchen sollte. 


??????????


Das Training lief auch gut, die Hündin hatte Spaß. 

Irgendwann sollte die Hündin dann den Beutel holen und Frauchen bringen, die in der Haustür stand. 

Klappte auch prima. 

Dann kam Herr Rütter. Und begann einen dummen Fehler, den er ja auch anschließend zu gab. 

Nach ein paar Mal Dummy holen, wurde die Hündin abgeleint. Der Dummy wurde immer noch weggeworfen, allerdings immer in der Nähe der Haustür. Klappte toll. 

Dann nahm Herr Rütter den Dummy und warf ihn in Richting Hofeinfahrt, kein Zaun und kein Tor geschlossen. 

Hündin lief zum Dummy, nahm ihn auf, überlegte kurz, und war dann auf und davon. 

😂😂😂😂


Tja Herr Rütter, immer wieder wird in den neuen Sendungen extra darauf hingewiesen, das Training lange dauert. Nun fuchtelte man monatelang am Dummytraining rum und mit nur einem dummen Fehler seitens des Trainers ist wieder alles dahin. 

Wobei ich es schon witzig finde, so lange an diesem Training zu arbeiten. 

Gut, man erhält Kritik, labert dann im Fernseh was von Training dauert lang, und alles ist gut.

Aber dem Hund ein Dummy apportieren zu lassen, dauert nun auch nicht ewig. 

Verhaltensänderung dauert lange, ja. Je nach Problem und frühere Erfahrungen. DAS sollte man erwähnen. Dann wäre es logischer. 


Gut, wenigstens erkannte man dann im Anschluss,  welches Bedürfnis der Hund tatsächlich hatte. Nämlich Katzen jagen. 


Ob das tatsächlich so ist, wird sich erst in der nächsten Folge zeigen. Da wird nämlich dann eine arme Katze in einen Korb gesteckt, auf den Hof gestellt und Hundchen darf mal zeigen, ob er diese fressen will oder nicht. 


Unfassbar. 


Schön, dass Herr Rütter selbstkritisch ist und den Fehler zu gibt. Steigt ja dann wieder in der Beliebtheitsskala weit nach oben. Aber den Fehler hätte man ganz einfach verhindern können. 

Ich hab mich mänlich die ganze Folge über gefragt, warum der Hund nicht mit einer Schleppleine gesichert wurde. 

Mal ganz davon abgesehen, hätte ich den Hund auch hier nicht mit dem Dummy trainiert. Man sieht ja, kaum ist der Auslöser spannender, ist Dummy abgemeldet. 🤷‍♀️


Fazit:


Ich bin ehrlich. Ich war früher auch Rütter-Fan. Und eigentlich haben wir es auch Herrn Rütter zu verdanken, dass die positiv trainierenden Trainer endlich Gehör finden. Denn auch Herr Rütter ist Gott sei Dank weit weg von Stachelhalsband, Würger, Elektroschock und Drill. 

Doch trotzdem ist er voll von Widersprüchen und setzt aversive Mittel ein. 


Individuell ist es oft nicht, sondern immer die gleiche Schiene. 


Körperliche Bedrängungen sind an der Tagesordnung. Nur leider sehen es die Laien vor dem Fernseher nicht, aus Unwissenheit.  

Wer denkt schon daran, dass es für den Hund total unangenehm ist, wenn sich sein Mensch über ihn beugt? Oder wenn er mit dem Bein nach hinten gedrängt wird? Oder mit bedrohlicher Körpersprache zurück auf seinen Platz gebracht wird? 


Die Leute merken das auch nicht, weil der Hund ja meistens das macht, was sie wollen. Er geht ja zurück, er legt sich auf seinen Platz, er schnappt auch nicht sofort zu, nur weil man sich über ihn beugt. Beim eigenen Besitzer zumindest oft nicht. 


Aber warum beißt er dann fremde Menschen, die sich vorn über beugen? Warum muss man ihn denn immer wieder von Neuem in die Position zurück drängen? 


Ja, darauf wird aber in der Sendung gar nicht eingegangen. Lerntheorie kommt gar nicht vor. Schnelle Erfolge müssen her. Lustig muss es sein und der Hund soll Spaß am Training haben. 


Damit wird bei den Zuschauern eine falsche Erwartung geweckt. 

Denn mal ehrlich, wer guckt schon den  Rütter so wie ich? Die meisten gucken das doch, weil sie nach Tipps suchen. 

Und machen es dann nach und wundern sich dann, warum es nicht funktioniert. 


Daher meine Bitte an alle Hundehalter: Wenn Ihr Probleme habt, sucht Euch einen Trainer, der positiv arbeitet, Verhaltenstherapeutisch fit ist, die Lerntheorie beherrscht und schaut Euch nicht die komischen Hundeprofis im Fernsehen an (es gibt tatsächlich ja noch schlimmere als Rütter). 


Schaut Euch ruhig den Comedian Rütter an. Der ist echt klasse, wenn man nicht alles so ernst nimmt, was er da erzählt. 


Kauft Euch gute Literatur zum Thema Verhaltenstherapie, Körpersprache des Hundes und die verschiedenen Lernformen (nicht die von Rütter😂). Das bringt viel mehr, als diese Hundegurus im Fernsehen. 

Und noch ein Punkt, welchen Ihr im Hinterkopf behalten solltet, auch Psychologen arbeiten bei solchen Sendungen mit und die wissen ganz genau, an welchen Punkten sie Euch treffen können. 😉


Schöne Grüße von Diana und ihren Hundeschnauzen. 





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