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Vergiss das mit dem Rudelführer


Ich kann es nicht mehr hören.

Jeden Tag werde ich damit konfrontiert:

 

"Man muss nur dem Hund zeigen, wer der Chef ist, dann klappt das auch mit der Erziehung."

oder

"Dein Hund hört nicht auf Dich, weil er keinen Respekt vor Dir hat. Zeig ihm, dass Du der Rudelchef bist!"

 

Ich frage mich dann immer, warum dieses Denken immer noch in den Köpfen der Menschen steckt. Gerade in der heutigen Zeit, wo man sich soviel durch Medien und Fachbücher informieren kann, muss das nicht mehr sein.

Doch leider schauen sich die meisten lieber irgendwelche mexikanischen Möchtegernhundetrainer im Fernsehen an oder schwören auf das gute, alte Wissen von alteingesessenen Hundehaltern, so nach dem Motto: Das haben wir früher schon so gemacht, das gehört sich so.

 

Zum Glück wurde ich als Kind damit verschont. Als ich meinen ersten Hund bekommen habe, wurde mir zwar auch immer wieder von Hundehaltern geraten, ich solle mich mal mehr durchsetzen und meinem Hund mal eine überbraten, doch dies war niemals meine Sichtweise. Schon damals lag mir das Wohl meines Hundes sehr am Herzen und ich hätte ihm nie weh tun können.

Ich habe es zwar mit der Erziehung nicht hin bekommen, dafür hatte ich aber einen ausgeglichenen, freundlichen Hund, der immer stets an meiner Seite war.

 

Doch woher kommt denn dieses Rudelführer-Gedöns?

 

Schauen wir uns mal den Ur-Ahn unserer Hunde an, den Wolf.

 

Zig Forscher haben sich damit beschäftigt, wie Wölfe leben, wie sie jagen, wie sie ihre Welpen aufziehen, wie sie miteinander umgehen, wie sie sich fortpflanzen, usw.

Dabei wurde beobachtet, dass sich eine Rangordnung bildet, vom Alphawolf bis hinunter zum Prügelknaben. Immer wieder zeigte sich, dass durch aggressive Auseinandersetzungen Tiere verletzt oder sogar auch getötet wurden. 

Da gibt es aber einen Haken: Diese Beobachtungen wurden bei Wölfen gemacht, die in Gefangenschaft leben.

Leider haben aber die Forscher dieses Verhalten auf unsere Hundeerziehung projiziert und waren der Meinung, man müsse eben nur hart genug mit dem Hund umgehen und ihm Grenzen setzen, damit man als Rudelführer anerkannt wird.

 

Blödsinn.

 

Die in Gefangenschaft lebenden Wölfe müssen unter Stressbedingunge leben. Sie können sich nicht selbst entscheiden, mit wem sie sich fortpflanzen, mit welchen Artgenossen sie zusammen leben wollen und jagen gehen müssen sie auch nicht. Und abwandern, um sich einem anderen Rudel anzuschließen oder selbst eines gründen ist ja unmöglich. Demnach sind sie gezwungen, mit den Gegebenheiten im Gehege klar zu kommen. Und genau deshalb gibt es oft eben Auseinandersetzungen.

 

Bei Wölfe in der Wildnis gibt es sowas kaum bis gar nicht. Ein Rudel besteht aus einem Familienverband. Papa, Mama, Kinder. Sie suchen sich ihre Sexualpartner selbst aus, gehen jagen, kümmern sich gemeinsam um die Welpen. Dies verläuft meist friedlich. Natürlich gibt es auch unter den Wölfen verschiedene Charaktere, die einen sind durchsetzungfähiger, andere nicht.

Doch in den seltensten Fällen kommt es hier zu Kämpfen, stattdessen wandern die Schwächeren eben einfach ab.

 

So, und für alle, die immer noch meinen, sie müssten der Rudelführer sein, stellt Euch mal die Frage, wie das klappen soll. Zum einen seit ihr weder Wolf noch Hund, sondern Mensch. Ihr lebt mit Euren Hunden auch nicht in einem Rudel. Denn wie schon oben beschrieben, besteht dies aus einem Sozialverband der gleichen Art. Die Wölfe haben sich freiwillig gesucht und zusammen geschlossen. Dies ist in der Hundehaltung eben nicht der Fall, denn der Hund hat sich nicht ausgesucht, wo er wohnen will, dass hat der Mensch für ihn beschlossen. Meistens bestimmt ja auch der Mensch, mit wem der Hund sich fortpflanzen darf und mit wem nicht.

 

Und ein Rudelführer handelt nicht mit Aggression und Strafe. Sondern mit Ruhe, Gelassenheit und Erfahrung.

Natürlich muss in einer Gruppe eine gewisse Ordnung herrschen, das ist überall so. Egal ob in einer Familie, bei der Arbeitstelle, in der Schule oder eben in einem Rudel. Aber es kommt eben darauf an, wie man diese Ordnung erlangt.

Ich nenne immer gerne Beispiele aus der Menschenwelt:

Damals in der Schule gab es oft Lehrer, die sehr unfreundlich und ruppig waren. Die versucht haben, mit Strenge und Strafe uns Kinder zum Lernen zu zwingen.

Dann gab es aber auch wieder Lehrer, die immer sehr freundlich waren, immer ein offenes Ohr für einen hatten und geholfen haben, wenn man nicht weiter wusste.

Und, jetzt könnt Ihr Euch vorstellen, bei welchen Lehrern ich gerne war, gerne gelernt habe und keine Angst hatte, mich ins Klassenzimmer zu setzen? Richtig, bei den freundlichen Lehrern.

 

Genauso ist es doch auch auf unserem täglichen Arbeitsplatz. Was nützt es mir, wenn ich jeden Tag mit einem komischen Gefühl zur Arbeit fahre, Bauchschmerzen bekomme, weil mein Chef mich jeden Tag rund macht und beschimpft? Da kann die Arbeit kein Spaß machen. Besser ist es doch, einen souveränen Chef zu  haben, der mir meine Fehler zwar zeigt, aber mit mir in einem vernünftigen Gespräch nach Lösungen zu sucht.

 

Und genau das ist es doch, was wir auch im Alltag mit unseren Hunden möchten. Einen freundlichen Umgang, Vertrauen zueinander und tiefe Zuneigung. Und dies bekomme ich nicht, indem ich meinem Hund ständig zeige, wer hier der Chef ist. Ich will schließlich, dass mein Hund gerne mit mir zusammen arbeitet und keine Angst vor mir hat.

 

Es gibt so einige Mythose in der Hundeerziehung, die sich leider immer noch hartnäckig halten. Ich stelle Euch mal ein paar vor und erkläre, was daran einfach nicht richtig sein kann:

 

Mythos 1: Der Alphawolf frisst immer zuerst

Das stimmt nicht. Alle Wölfe fressen gleichzeitig, wenn ein Beutetier erlegt wurde. Jeder holt sich seinen Teil und schleppt dieses weg, um es zu vertilgen. Selbst die Welpen und Jungtiere verteidigen schon ihre "Beute".

Wenn also Du immer zuerst essen willst, damit Dein Hund lernt, dass Du der Chef bist, handelst Du falsch und Dein Hund lernt überhaupt nichts daraus. Auch wenn Dein Hund seine Ressourcen verteidigt, und Du ihm zeigen willst, dass dies nicht richtig ist und ihm deshalb diese Ressourcen weg nimmst, immer zuerst "frisst" oder ihm seine Ressourcen nur zur Verfügung stellst, wenn Du es möchtest, dann erziehst Du Dir ganz schnell einen Ressourcenverteiger heran. Denn was wenig zur Verfügung steht, wird demnach auch immer interessanter und wird immer stärker verteidigt.

 

Mythos 2: Der Alphawurf und das Nackenschütteln wird angewendet, um den Hund zu maßregeln

Der Alphawurf, also der Überlegene wirft den Unterlegenen auf den Rücken, um seine Macht zu zeigen, ist für mich der größte Schwachsinn überhaupt. Bei Wölfen existiert dieser Alphawurf gar nicht. Man beobachtete wohl mal, wie Welpen und Jungtiere sich beim betteln um Futter freiwillig auf den Rücken legten (Unterwerfungsgeste) und interpretierte dies dann falsch. Genau wie das Nackenschütteln. Dies zeigen Junghunde oft, wenn sie das Jagen üben und sich gegenseitig in den Nacken beißen. Dies geschieht aber meist spielerisch und Alttiere wenden dies niemals bei Jungtieren an.

Tust Du dies mit Deinem Hund, bedeutet dies ein massiver Vertrauensbruch, denn es löst Angst, Schmerz und Frust bei Deinem Hund aus.

 

Mythos 3: Gespielt wird nur, um den Rang zu festigen

Jungtiere spielen sehr oft und auch deren Eltern steigen oft in das Spiel mit ein. Dabei geht es überhaupt nicht um irgendwelche Machtkämpfe, sondern einfach um Spaß. Wenn ein Jungier dabei zu rau wird, dann wird das Spiel einfach vom Gegenüber abgebrochen und fertig. Wer das Spiel gewinnt, ist völlig unabhängig von Alter, Geschlecht oder Rang.

Deshalb spiele ruhig mit Deinem Hund ausgiebig. Es ist dabei egal, ob Du gewinnst oder Dein Hund. Vorausgesetzt, es handelt sich auch tatsächlich um Spiel. Dies sollte ein geschultes Auge sehen können.

 

Mythos 4: Alte und kranke Tiere werden getötet

Zum Glück ist dies nicht der Fall. Kranke und alte Tiere leben weiterhin in der Gruppe und werden mitversorgt. Sie ziehen sich nur etwas zurück, nehmen nicht mehr so am Rudelleben teil und überlassen den Jüngeren, stärkeren Tieren die Verantwortung.

Bei unseren Hunden sind wir diejenigen, die sich um die alten Tiere kümmern müssen. Wenn ein alter Hund von den jungen attackiert wird, dann nicht, um ihm den Rang streitig zu machen, sondern weil der alte Hund seine Sinne nicht mehr richtig einsetzen kann und er dadurch nicht mehr alles richtig deuten kann. Ist dies bei Dir der Fall, dann solltest Du schleunigst deinen alten Hund beschützen und ihm die entsprechende Ruhe geben und seine Bedürfnisse erkennen.

 

Mythos 5: Der Hund muss immer hinter Dir laufen

Wenn das stimmen würde, wäre ich der totale Versager. Und meine Hunde hätten mich wahrscheinlich schon lange aus dem "Rudel" verbannt. Ich latsche ständig hinter meinen Hunden her. Ganz selten sind meine Hunde hinter mir. Komisch, dass die Erziehung bei mir trotzdem funktioniert.

Bei den Wölfen lassen die Alphatiere den Jüngeren oft den Vortritt. Besonders im Winter hat das seinen Vorteil wenn Schnee liegt. Denn es ist doch recht angenehm, wenn man durch eine platt getrampelte Spur laufen kann, anstatt sich durch den hohen Schnee durchzukämpfen.

 

 

Es gibt noch zig andere schwachsinnige Theorien, aber die wichtigsten für mich habe ich hier benannt.

 

Desalb stelle Dir mal die Frage: Musst Du dominant sein?

 

Nein.

 

Du verdirbst Dir damit die Beziehung zu Deinem Hund. Viele Leute schwören auf die Dominanztheorie, weil sie funktioniert. Wenn man den Hund ständig korrigiert, dann hört er mit dem Verhalten auf. Oder wenn man ihn blockiert, dann geht er hinter uns. Und wenn man ihn nur laut genug anschreit, dann unterlässt er sofort das unerwünschte Verhalten.

Ja, das tut der Hund in dem Moment zwar, aber nicht, weil er weiß, dass er das nicht darf, sondern weil er aus Angst und Unsicherheit auf das Verhaltens seines Halters reagiert.

Ziel in der Hundeerziehung ist es doch, dass der Hund irgendwann das unerwünschte Verhalten nicht mehr zeigen muss, dass er lernt, sich anders zu Verhalten.

Und dies erreicht man in der modernen Hundeerziehung auf anderen Wegen, mit Kooperation, Bedürfnisbefriedigung und  Vertrauen. Aber niemals über Dominanz, Strenge und Härte.

 

Rudel-und Dominanztheorie gehört daher zur alten Schule und sollte heute nicht mehr praktiziert werden. Hunde, die so ausgebildet werden, zeigen oft Verhaltenstörungen, die erst einmal gar nicht so auffallen. Stereotypisches Verhalten, Trennungsstress, Hyperaktivität, Aggression gegenüber Hunden oder Menschen, Allergien, Haut-oder Fellprobleme, usw.

 

Deshalb lege ich jedem Hundehalte nahe, sich mit der positiven Arbeit auseinander zu setzen. Langfristig gesehen hat man damit viel mehr Erfolg und zerstört damit auch nicht die Beziehung zu seinem Hund.

 

Eure Diana und ihre Hundeschnauzen