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Der böse "Kampfhund" - und wie ich dazu stehe

Immer wieder wird es diskutiert. Immer wieder gibt es diese Schlagzeilen in den Medien. Menschen, die solche Hunde halten, werden beschimpft und beleidigt. Kleinen Kindern wird erzählt, dass man einen großen Bogen um solche Hunde machen muss.

Vor 18 Jahren, am 27.6.2000, wurde der kleine Volkan in Hamburg von einem Pit Bull Terrier totgebissen. Dieses grausame und schreckliche Ereignis führte dazu, dass eine regelrechte Hetze gegen bestimmte Rassen begann.

Zu Recht?

Ich sage nein!

In den ganzen Jahren danach konnte man immer wieder von bösen Bestien lesen, die Menschen zerfleischen. Man sieht Bilder von zähnefletschenden Staffordshire-Terriern, Pit-Bull-Terrieren oder Rottweilern.

Aber man liest fast nie von dem Dackel, der die Kaninchen vom Nachbarn umgebracht hat. Oder von dem angeblich so lieben und braven Familienhund, der dem 5 jährigen Kind aus der Familie in den Arm gebissen hat.

Was ist mit dem Husky von nebenan, der einen Fahrradfahrer gehetzt hat und diesem in den Oberschenkel gebissen hat?

Oder der Border Colli, der den älteren Mann zu Fall gebracht hat und ihm dabei ins Gesicht gebissen hat?

 

Von diesen Fällen werden wir fast nie etwas zu lesen bekommen. Warum? Weil es nicht von öffentlichem Interesse ist. Die meisten Menschen würden es als einmaligen Vorfall abtun oder einen Ausrutscher. Oft will man ja auch seinen eigenen, besten Freund schützen und erzählt gar niemanden davon, wozu der eigene Hund fähig ist.

 

Doch bei den "Kampfhunden" sieht es schon anders aus. Sie sehen gefährlich aus, haben viel Kraft und sind natürlich in der Lage, jemanden zu töten, egal ob Mensch oder Tier. Und schließlich wurden sie ja auch dafür gezüchtet, zum töten, oder nicht? Und diese Gene können diese Hunde ja nicht einfach abschütteln, oder nicht? Irgendwann kommt das hoch, oder nicht?

 

Die meisten Menschen haben Angst vor diesen Rassen. Diese Angst wird geschürt von den Medien, aber auch von unseriösen Haltern, die diese Hunde leider immer noch abrichten und für bestimmte Zwecke benutzen.

 

Ich verfolge dieses Thema seit 2000. Mir liegen diese Rassen, die immer wieder an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden, sehr am Herzen. Es sind wunderbare Geschöpfe und ich persönlich habe noch keinen "bösen Kampfhund" erlebt. Vor vier Jahren bin ich einem Verein beigetreten, welcher sich für diese Rassen einsetzt. Es wird Aufklärungsarbeit geleistet, Hunde werden vermittelt, die Halter bekommen Unterstützung, oft auch seelische. Denn es ist wirklich nicht einfach, solch einen Hund zu hlten und bei jedem Gassi gehen dumm angemacht zu werden. Es ist auch nicht schön, wenn Mütter ihre Kinder wegreissen, damit sie nicht gebissen werden. Oder wenn die Familie nicht mehr zu Besuch kommt, wegen dem gefährlichen Hund.

Dabei wissen gerade diese Halter, welch treue Seele sie Zuhause haben.  Die Stafford´s, Pitti´s und Bullterrier sind kleine Clowns, die immer für einen Spaß zu haben sind. Und zu Menschen sind sie recht freundlich und anhänglich.

 

Schauen wir uns den Staffordshire Bullterrier mal genauer an:

Dieser stammt aus England, wo er in seiner ursprünglichen Art für die Rattenbekämpfung eingesetzt wurde.

Später, etwa um 1810, wurde er dann für die Kämpfe Hund gegen Hund gezüchtet.

Seit 1835 sind Hundekämpfe in England verboten worden und man konzentrierte sich auf die Zucht als Familienhund.

Bis heute ist er einer der beliebtesten Hunderassen in England, gerade weil er so familientauglich ist. Ganz oft werden sie heute auch als Rettungshunde eingesetzt.

 

Ähnlich ist es bei dem Pit Bull und Bullterrier.

 

Ich muss immer wieder betonen, dass diese Rassen zwar für den Zweck zum Kämpfen gezüchtet wurden, allerdings gegen Hunde, niemals gegen den Menschen. Hunde, die damals gegen Menschen gingen, wurden sofort aussortiert. Und dies alles geschah in einem anderen Jahrhundert!

 

Natürlich ist es möglich, aus diesen Hunden eine Bestie zu machen, die Menschen attackiert und im schlimmsten Fall sogar tötet, keine Frage. Doch dies trifft auf alle Hunde zu. Dies ist nicht rasseabhängig. In falschen, grausamen Händen, kann jedes Lebewesen gefährlich werden.

 

Daher ist es so verdammt wichtig, auf eine gute Zucht und Sozialisierung zu achten. Im neuen Zuhause sollte liebevoll mit dem Hund umgegangen werden. Es sollte nicht mit veraltetetn Methoden trainiert werden, sondern die Bedürfnisse des Hundes erkannt werden und entsprechend handeln. Wenn man nicht weiter weiß, sollte man sich professionelle Hilfe suchen, bei einem positiv arbeitenden Trainer. Und dies gilt für alle Rassen und Mischlinge.

 

Ich war vor einer Woche im Tierheim und dort ist mir wieder etwas interessantes aufgefallen. Wenn man so in ein Tierheim rein kommt, wird man von allen Seiten angebellt. Klar, die Hunde dort sind unter Stress, haben Angst, handeln auch territoral, bellen aus Frust oder aber auch aus Freude, je nach Charakter eben.

Da war der typische Dackelmischling, der lauthals bellte, ein Schäferhundmischling, der auf und ab am Zaun entlang lief, die gestresste Gelbbacke, welche mir knurrend entgegen kam und ein Dogo Argentino, welcher unmissverständlich zu verstehen gab, dass man nicht unbedingt die Hand durch den Zaun stecken sollte.

Und dann waren da noch die beiden Stafford´s. Die Hündin war total ruhig und schaute nur. Der Rüde hat mich fast totgeschlabbert vor Freude und wollte nur Bällchen spielen. Mit ihm habe ich erst mal eine halbe Stunde gekuschelt.

 

Und solche Begegnungen hatte ich bis jetzt nur mit solchen "Kampfhunden". Egal ob auf unseren SoKa Runs (Aufklärungsspaziergänge mit dem Verein durch verschiedene Städte. SoKa = sogenannte Kampfhunde), oder auch im normalen Umfeld. Bis jetzt war dort keine menschenfressende Bestie dabei.

 

Seit ich Hunde habe, also seit 23 Jahren, bin ich auf die verschiedensten Hunderassen oder Mischlinge getroffen. Seit drei Jahren besuche ich Seminare, wo auch immer Hunde dabei sind. Und auch "Kampfhunde" oder "Kampfhundmischlinge" waren dabei. Aber keiner von diesen Hunden war irgendwie böse, gestört oder hatte sonst einen Tick.

Was mir aber auffällt, sind die unwissenden Halter. Und genau hier liegt das Problem.

Es liegt nicht am Hund, es liegt an denmMenschen, der ihn führt.

 

Meine Hunde sind alle groß und schwer, alle viel größer als ein Stafford oder ein Pit Bull. Somit haben meine Hunde auch ein gewisses, gefährliches Potenzial. Das ist so und das darf ich nicht abstreiten. Und genau deshalb muss ich soviel Verantwortungsbewusstsein haben, meine Hunde entsprechend in die Gesellschaft zu integrieren. Das fängt nunmal schon im Welpenalter an, eigentlich noch viel früher, im Mutterleib.

 

Jeder meiner vier Hunde hat irgendein "Problemverhalten". Mein Oskar stellt liebend gerne fremde Menschen und verbellt diese auch.

Meine Lilly war als Junghund recht ängstlich, verbellte alles, was sie nicht kannte.

Mein Lou kommt nicht unbedingt mit fremden Hunden zurecht.

Und meine Shila hasst unkastrierte Hündinnen.

 

Ich habe mich aber dessen angenommen, habe dies aktzeptiert und versuche heute jedem meiner Hunde die Ängste zu nehmen und die Bedürfnisse zu decken. Deshalb kann ich heute sagen: Meine Hunde sind gesellschaftsfähig.

Trotzdem muss mir bewußt sein, dass es an mir liegt und ich immer schauen muss, dass dies auch so bleibt und weiter daran arbeiten.

 

Und dies sollte jeder Hundebesitzer tun, egal welche Rasse er hat. Zudem können auch kleine Hunde einen großen Schaden anrichten. Auch wenn es oft belächelt wird, wenn ein Hund einer kleinen Rasse mal kneift, ich finde das nicht lustig. Erstens tut der Hund das ja aus einem bestimmten Grund, er möchte damit was erreichen und dem sollte man mal auf den Grund gehen, und zweitens kann auch so ein kleiner Hund einem Kind ins Gesicht beißen und Schaden anrichten.

Mein Oskar wurde vor zwei Jahren von einem recht kleinen Hund ins Ohr gebissen. Zunächst hielt ich es für eine Lappalie. Dachte:" Kann ja nicht so tragisch sein."

Tja, aus dieser Lappalie wurde dann eine große Fleischwunde, die sich entzündet hatte und fast 1,5 Jahre brauchte, um richtig zu heilen.

 

Daher mein Fazit daraus:

Es kommt nicht darauf an, welche Rasse man hat, sondern es kommt darauf an, wie man den Hund erzieht. Nämlich mit viel Liebe und Wissen. Mit viel Verständnis für die Bedürfnisse des Hundes.

 

Unsere Kampfschmuser haben dieses böse Image nicht verdient. Es sind wunderbare Hunde, die genauso treue Begleiter, Familienmitglieder, beste Kumpels und Schmusebären sind, wie alle anderen Hunde auch.

 

Zum Schluss habe ich noch eine Geschichte von einem Menschen, der für mich ein großes Vorbild in dieser Sache ist. Mein Sohn:

 

Wir waren zusammen in Mainz auf einem SoKa Run. Meine beiden Kinder waren natürlich auch dabei. Wir kamen an einem Stand von einem Tierheim vorbei, wo ein kleiner Pit Bull auf einer Decke lag. Mein Sohn fand den Hund total süß und fragte mich: "Darf ich den streicheln?"

Das bekam eine Dame des Tierheims mit und holte meinen Sohn zu sich. Sie sagte:"Schau mal, das ist Kally, der liebt kleine Kinder und gibt denen immer Küsschen." Zusammen ging sie mit meinem Sohn zu Kally. Kaum war mein Sohn bei Kally, ging der Überfall auch schon los. Kally hüpfte an meinem Sohn hoch und schleckte ihn im ganzen Gesicht ab.

Mein Sohn fand das nazürlich ganz toll und ich bekam ihn da gar nicht mehr weg.

Ich unterhielt mich etwas mit der Dame und dabei fiel wohl das Wort "Kampfhund". Mein Sohn schaute mich fragend an und meinte dann:"Mama, was ist ein Kampfhund?"

Ich erklärte es ihm und er guckte ganz komisch. Dann zeigte er auf Kally und meinte:" Der da soll ein "Kampfhund" sein? Der hat mich doch gar nicht gebissen, der ist doch ganz lieb!"

Ich nahm ihn dann zu mir und zeigte in die Runde, auf die anderen Hunde. Ich meinte:"Alle Hunde, die Du hier siehst, gelten laut Gesetz als "Kampfhunde", deshalb sind wir ja hier, um andere Menschen aufzuklären, dass es eben nicht so ist."

Daraufhin mein Sohn:" Gibt es wirklich Menschen, die denken, die Hunde wären böse? Die sind ja bescheuert!"

 

Damals war mein Sohn 10 Jahre alt. Heute hat er die gleiche Meinung wie ich. Jeder Hund ist toll. Egal, wo er her kommt, wie er aussieht und welches Problem er hat.