Ressourcenverteidigung - ist das normal?


Ich habe schon oft von Hundehalten erzählt bekommen, dass der eigene Hund zu knurren anfängt, wenn man sich dem Futternapf nähert oder das der Hund schnappt, wenn man ihm sein Spielzeug wegnehmen möchte. Die meisten Menschen sind dann entsetzt, haben Angst vor dem eigenen Hund oder versuchen dieses Verhalten mit Strafe zu unterbinden.

Oft mit mäßigem Erfolg.

 

Leider geistert in vielen Köpfen immer noch der Gedanke herum, wenn ein Hund dieses Verhalten zeigt, verhält er sich dominat und akzeptiert den Halter nicht als "Chef". Und damit der Hund das lernt, werden eben härtere Geschütze aufgefahren.

 

Doch es gibt nicht nur die Ressourcenverteidigung dem Menschen gegenüber. Gerade in einem Mehrhundehaushalt wird man immer wieder damit konfrontiert, weil natürlich auch die Hunde untereinander ihre Ressource verteidigen.

 

Mein Oskar ist bei Futter auch ein Ressourcenverteidiger. Nicht mir gegenüber zeigt er das Verhalten, aber bei meinen anderen drei Hunden. Was aber überhaupt nicht schlimm ist. Denn die drei verstehen genau, was Oskar da sagen möchte, wenn er ganz leise grummelt:"Haut ab, sonst gibts was auf die Mütze!"

Wenn Oskar sein Kauknochen genüsslich verspeißt, käme keiner von den anderen Dreien auf die Idee, sich nur in der Nähe von Oskar aufzuhalten.

Auch wenn alle vier Hunde gefüttert werden, halten alle Abstand von Oskar. Ich muss da gar nicht viel machen. Ich sorge lediglich dafür, dass er etwas weiter weg in Ruhe fressen kann. Das reicht schon aus.

 

Natürlich ist dies nicht immer und in jedem Mehrhundehaushalt so einfach. Es kommt immer auf die Individuen an.

 

Doch was kann man tun, bei Ressourcenverteidigung, besonders dem Menschen gegenüber?

 

Erst einmal müssen wir wissen, was eine Ressource eigentlich ist:

 

  • Futter
  • Gegenstände, in denen sich Futter befindet
  • Spielzeug
  • Liegeflächen
  • Wohnung, Garten, Haus, Auto
  • Gegenstände wie Stöcke oder Tannenzapfen
  • Fressplatz
  • Wassernäpfe und Zugang zum Wasser
  • Bezugsperson
  • andere Hunde oder Haustiere
  • Lieblingspinkelstelle
  • Mauseloch

Und noch vieles mehr, je nach Vorlieben des Hundes.

 

Alle Dinge, die dem Hund wichtig sind, möchte er natürlich behalten. Uns geht es da ja nicht anders. Ich kann es auch nicht leiden, wenn mir jemand ungefragt einfach so ein Stück Pizza vom Teller klaut. Oder wie reagieren wir, wenn wir merken, dass uns jemand Geld aus dem Geldbeutel geklaut hat? Richtig, wir werden wütend.

Das hat auch nichts mit Dominanz oder Chefgehabe zu tun.

 

Ressourcenverteidigung ist daher ein ganz normales Verhalten. Es tritt nur unterschiedlich stark auf. Nicht jeder Hund verteidigt, manche dagegen umso mehr. Dies ist abhängig von verschiedenen Faktoren:

  • wie hochwertig ist die Ressource? (Trockenfutter hat nicht so einen hohen Stellenwert wie ein fleischiger Knochen)
  • wie Verhält sich der "Konkurrent"?
  • Erregungslevel
  • hat der Hund eine hohe oder niedrige Frustrationstoleranz?
  • Impulskontrolle
  • Lernerfahrungen
  • genetischer Faktor (manche Rassen neigen eher zur Ressourcenverteidigung als andere)

Kleine Welpen lernen schon bei den Geschwistern, dass es sich lohnt zu knurren oder zu schnappen, wenn ihnen das Spielzeug oder das Fressen weggenommen wird. In dem neuen Zuhause übertragen sie dies dann auf die Bezugspersonen, weil sie es ja noch nicht anders gelernt haben. Wird der Welpe nun dafür bestraft, lernt er, dass er sich von nun auch auch vor dem Menschen schützen muss, wenn er eine Ressource ergattert hat.

Super, der Beginn einer Ressourcenverteidigung nimmt seinen Lauf.

Und ein Rattenschwanz beginnt. Der Welpe zeigt immer mehr Verteidigungsverhalten, knurrt, bellt, beißt irgendwann zu. Irgendwann ist er auch nicht mehr klein und süß, sondern wird größer und stärker. Spätestens dann wird meist nicht mehr versucht, dem Hund die Ressource weg zu nehmen, sondern man hält Abstand.

Und was passiert dann? Der Hund hat gelernt, dass er mit seiner Strategie Erfolg hat und wird diese nun weiterhin anwenden.

 

Doch wie kann man dies vermeiden?

 

Am besten ist es natürlich, schon mit dem Welpen zu trainieren, dass es sich lohnt, etwas her zu geben. Mit einem Tauschgeschäft zum Beispiel. Wenn der Welpe etwas im Maul hat, was er nicht haben soll (z.B. die neue Tasche von Gucci), holt man ein tolles Spielzeug und zeigt dies dem Welpen. Sobald er das unerwünschte Objekt fallen läßt, lobt man ihn und gibt ihm als Belohnung das Spielzeug.

 

Wenn der Welpe auf dem Sofa liegt, wirft man ihn dort nicht einfach runter, sondern versucht ihn mit Leckerchen, einer Futtertube oder seinem Lieblingspielzeug von dort runter zu locken. Kommt er dann, gibt man ihm seine Belohnung. Am besten zeigt man ihm dann noch einen alternativen Liegeplatz.

 

Bei dem Thema Futter frage ich mich immer wieder: Warum sollte ich meinem Hund das Futter wegnehmen, welches ich ihm gerade gegeben habe? Was soll immer wieder der Unsinn, das manche Menschen glauben, man sollte dem Hund öfter mal das Futter wegnehmen? Was soll es dem Hund sagen? Was lernt er daraus?

Sehr viel. Er entwickelt nämlich eine Strategie, wie er sein Futter das nächste Mal am besten verteidigt.

Deshalb würde ich nie auf die Idee kommen, Futter, welches ich meinem Hund gegeben habe, wieder weg zu nehmen. Völlig unsinnig.

 

Merke: freundliches Verhalten an einer Ressource lohnt sich für den Hund nur dann, wenn er sie behalten darf oder wenn der Konkurrent verschwindet. Deshalb ist es oft besser, wenn man ihm seine Ressource überläßt, natürlich nur, wenn es nicht gefährlich ist.

 

Ist das Kind allerdings schon in den Brunnen gefallen, muss man schauen, wie man damit am besten umgeht.

Verteidigt der Hund sein Futter, kann man ihm noch etwas dazu geben. Man wirft ihm einfach zusätzlich was tolles in den Napf. Oder wenn er seinen Kauknochen verteidigt, wirft man zusätzlich weitere Leckerchen dazu. Hierbei soll der Hund lernen, dass die Annäherung des Menschen nicht bedeutet, es wird etwas entfernt, sondern es kommt etwas Gutes dazu.

 

Ein erhöhtes Erregungsniveau begünstigt die Ressourcenverteidigung. Daher kann es sinnvoll sein, Entspannungstechniken aufzubauen. Konditionierte Entsannung und Isometrische Übungen könnten helfen. Auch das Umfeld sollte nicht zu hektisch sein.

 

Weiterhin kann eine Ressourcenknappheit der Grund für eine Ressourcenverteidigung sein. Wenn genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, gibt es keinen Grund, etwas zu verteidigen. Bekommt der Hund sein Lieblingsspielzeug nur einmal am Tag für kurze Zeit, erhöht dies die Gefahr der Verteidigung.

 

Ressourcen nimmt man nicht einfach so weg. Man kündigt dies an, trainiert dies mit einem Tauschgeschäft und übt gezielt an dem Signal "Gib Aus".

 

Wichtig bei einem Ressourcenverteidiger: Die Distanz zur Ressource. Man muss herausfinden, welchen Abstand der Hund benötigt, damit er nicht auslöst. Bleibt der Hund ruhig, wird er verstärkt darin.

 

Das sind schon viele Sachen, die man tun kann und es gibt noch weitaus mehr. Dies  muss man aber je nach Hund individuell einschätzen. Daher sollte man sich immer bei diesem Thema Hilfe holen.

 

Aber eines gilt immer: Niemals sollte der Hund bestraft werden. Dies führt zu keinem Erfolg. Im Gegenteil. Man könnte sich eine tickende Zeitbombe heranziehen.

 

Ich kenne einen Fall, indem ein Bullterrier sein Liegeplatz, sein Futter und sein komplettes Spielzeug verteidigt. Ansonsten ist der Kerl ein netter Zeitgenosse, verträglich mit Artgenossen, Kindern und erwachsene Menschen.

Nachdem ich im Gespräch etwas mehr in die Tiefe ging und den Halter befragte, welche Maßnahmen gegen das Verhalten schon ergriffen wurden, stellten sich mir die Nackenhaare hoch.

Der Hund wurde angeschrien, festgehalten und die Ressource wurde aus dem Maul gerissen. Dabei wurde es in Kauf genommen, dass man mehrere kleine Bissverletzungen bekommen hat.

Und die Krönung war dann, der Hund wurde auf seinen Liegeplatz verfrachtet (den er ja eh als Megaressource ansah, weil dort die ganzen Spielsachen lagen) und er bekam kein Abendessen zur Strafe, was natürlich völliger Schwachsinn ist.

Jegliche Aufklärung meinerseits half nichts, dem Hund müsse Manieren beigebracht werden.

 

Die Folge: Dieser Hund lebt unter ständigen Stress. Dies macht sich auch körperlich und seelisch bemerkbar. Er zeigt stereotypes Verhalten und hat Magen-Darm-Beschwerden.

 

So weit darf und muss es nicht kommen. Man sollte sich immer Hilfe bei einem guten Trainer holen, der sich mit dem Problemverhalten auskennt.