Der Einsatz von Hilfsmitteln in der Hundeerziehung - sinnvoll oder sinnlos?

Wenn ich in ein Tiergeschäft gehe und so in den Gängen herum stöbere, bin ich immer erstaunt, was es alles für die Hundewelt zu kaufen gibt. Man wird von dem Angebot quasi erschlagen. Hundefutter und Kauartikel im Überfluss, Spielzeug, so viel wie in namentlich bekannten Spielwarengeschäften für Kinder, Mode für Hunde, Hundebetten und Hundekörbchen für jede Größe, Nahrungsergänzungsmittel wie in einer Apotheke, Pflegemittel wie in einem Drogeriemarkt und dann noch die Abteilung Erziehungshilfsmittel.

Darunter fallen dann Dinge, die fast jeder Hundehalte braucht, wie Leinen, Geschirre und Halsbänder, evtl. einen Maulkorb.

Und noch Dinge, die meiner Meinung nach niemand braucht, wie z.B. Anti-Zug-Geschirre, Retrieverleinen, Würgehalsbänder, Stachelhalsbänder, Halti´s und Sprühhalsbänder.

 

Wie komme ich zu dieser Meinung?

Ganz einfach, wenn man mit seinem Hund sinnvoll trainiert und im Notfall gut managen kann, dann benötigt man einfach nur ein gut sitzendes Brustgeschirr und eine stabile Leine. Natürlich der Größe des Hundes angepasst. Ein Halsband empfehle ich auch nicht, allerhöchstens wenn man einen Hund hat, der sehr gut Leinenführig ist und niemals in die Leine springt. Und ich bezweifel, dass dies ein Hund leisten kann. Wenn wirklich unbedingt mit einem Halsband geführt werden soll, dann muss dieses aber auch sehr gut sitzen und darf nicht zu dünn sein und auf keinen Fall darf es sich zuziehen.

 

Mal zu den einzelnen Hilfsmitteln:

 

Das Anti-Zug-Geschirr

Dies ist ein Geschirr, welches zwei dünne Schnüre hat, die sich bei Zug auf der Leine schön unter den Achseln des Hundes zusammenziehen und zwar ordentlich. Das muss höllisch weh tun. Und natürlich hört der Hund dann auf zu ziehen, denn er erschrickt sich vor Schmerz.

 

Die Retrieverleine

Eine dünne Leine, die einfach um den Hals des Hundes gelegt wird und sich auf Zug sofort zusammen zieht, ähnlich wie ein Würgehalsband. Ein kleiner mexikanischer Hundetrainer, der in Los Angeles lebt, benutzt solche Dinger ganz gerne. Gleiche Wirkung wie bei dem Anti-Zug-Geschirr.

 

Die Würge-und Stachelhaslbänder

Kennt wohl jeder. Eine dünne Metallkette, welche sich auf Zug sofort zusammen zieht. Ein Highlight ist dann noch das Stachelhalsband, welches sich dann mit den Stacheln so richtig schön in die Haut bohrt.

 

Das Sprühhalsband

Ein Halsband, wo auf Knopfdruck dem Hund ein Sprühstoß verpasst wird. Super Sache denkt man. Ein toller Verhaltensunterbrecher. Was bewirkt es beim Hund? Nichts, außer einen Schreckreiz. Und alles wird unangenehm, was der Hund gerade in dem Moment gesehen hat, als der Sprühstoß kam. Blöd wird es, wenn es dann ein kleinens Kind war.

 

Das Halti

Dies ist ein Kopfhalfter für den Hund, ähnlich wie beim Pferd. Damit soll man den Hund besser führen können und ihn besser zu sich umorientieren können. Wird gerade bei großen, schweren Hunden empfohlen.

Um das Halti richtig einsetzen zu können, muss man es erst konditionieren, genau wie beim Maulkorb. Einfach drauf ziehen ist keine gute Idee.

Dann darf niemals! daran gezogen werden. Es muss eine doppelte Leinenführigkeit angewendet werden, das heißt, eine Leine ist am Halti, eine am Brustgeschirr.

Wie gesagt, am Halti wird nicht geführt! Es soll nur helfen, den Hund etwas von der Ablenkung umzuwenden, damit er den Blickkontakt unterbricht.

Selbst wenn alles gut aufgebaut ist, die Leine richtig gehalten und eingehängt ist, sage ich, dass keiner wirklich garantieren kann, dass der Hund nicht doch plötzlich in die Leine springt und der Kopf des Hundes somit mit viel ruck nach hinten gezogen wird.

Ich kann mich damit nicht anfreunden und verwende dies auch nicht. Das Argument, einen großen Hund damit besser führen zu können, zieht bei mir nicht. Ich habe 4 sehr große Hunde und ein Leinenrambo ist dabei. Ein Halti benutze ich nicht. Es gibt weit aus bessere Führtechniken bei großen Hunden.

 

All diese Erzeihungshilfsmittel haben negative Einwirkungen auf den Hund. Alle sind verbunden mit Schmerz und Unwohlsein. Auch wenn es immer den Anschein macht, dass diese Dinge helfen, dem ist nicht so.

Natürlich hört der Hund kurzfristig auf zu ziehen, wenn er den Hals gewürgt bekommt oder wenn er einen stechenden Schmerz unter den Achseln verspürt. Vor Schmerzen und weil er sich erschrickt.

Und natürlich hört der Hund erst einmal auf zu bellen, wenn er einen unangenehmen Sprühstoß bekommt, weil er sich erschrickt.

Mehr eben nicht. Der Hund lernt dadurch überhaupt nichts. Das Verhalten wird nur noch schlimmer. Druck erzeugt Gegendruck. Um dem Druck am Hals zu entkommen, wird der Hund noch mehr dagegen ziehen.

Und bei dem Sprühhalsband weiß der Hund gar nicht, woher das komische Geräusch kommt. Da kann es passieren, dass er noch aggressiver oder noch ängstlicher wird.

Außerdem können Hunde ganz genau unterscheiden, wann sie diese Halsbänder anhaben und wann nicht. Im besten Fall für den Hund lernt er: "Aha, wenn ich das Ding anhabe, dann muss ich ruhig sein. Aber sobald das Ding ab ist, kann ich wieder mit Getöse bellen."

 

Hunde lernen durch Verknüpfung. Nehmen wir mal an, Hasso geht mit seinem Frauchen spazieren. Immer wenn er einen anderen Hund entdeckt, zieht er stark an der Leine. Hasso´s Frauchen gefällt das gar nicht und  somit besorgte sie für Hasso ein Würgehalsband.

Wenn Hasso jetzt andere Hunde sieht und in der Leine hängt, bekommt er nun jedesmal einen Schmerzreiz durch das Halsband verpasst. Somit hat Hasso gelernt:

 

Andere Hunde tauchen auf - das tut weh - andere Hunde sind doof.

 

Wenn Hasso nun spazieren geführt wird, zieht er nicht mehr nur an der Leine, sondern er dreht regelrecht durch. Er wird immer aggressiver, keift und steht auf zwei Beinen. Hasso´s Frauchen kann ihn kaum halten und geht mit Hasso lieber Gassi, wenn ihnen keiner entgegenkommt.

 

Armer Hasso.

 

Oder nehmen wir Lotte. Eine junge Viszla-Hündin. Lotte ist eigentlich eine sehr angenehme Hündin, versteht sich gut mit anderen Hunden, hört sehr gut auf Herrchen und Frauchen und bereitet den beiden sehr viel Freude. Leider hat Lotte ein Jagdproblem. Wenn sie ein Reh entdeckt, rennt sie jedesmal hinterher.

Lotte´s Besitzer bekamen dann den Tipp, ihr ein Sprühhalsband anzuziehen und jedesmal auf den Auslöser zu drücken, wenn Lotte zum hetzen ansetzen will.

Gesagt, getan. Lotte lief mit ihrer neuen Errungenschaft mit ihrem Frauchen durch den Wald, ihrem täglichen Gassi-Weg. Als Lotte dann tatsächlich ein Reh entdeckte und lossprinten wollte, bekam sie einen Stoß verpasst. Lotte erschrack sich so sehr, dass sie aufjaulte und auch - zur Freude ihres Frauchens - sofort stehen blieb.

Lotte wurde dann angeleint und es ging nach Hause.

Am nächsten Tag wollten die beiden wieder ihre morgendliche Runde gehen. Doch Lotte verhielt sich merkwürdig. Plötzlich weigerte sie sich, den Waldweg lang zu gehen. Lotte wurde aber von ihrem Frauchen mit der Leine gezwungen, dort lang zu laufen, schließlich solle sie sich nicht so anstellen.

Das ging auch den nächsten Tag so weiter.

Den darauffolgenden Tag weigerte sich Lotte sogar, die Straße, welche zum Waldweg führt, zu laufen.

Die Besitzer zwingten Lotte jedesmal, diesen Weg zu laufen.

Nach einer Woche weigerte sich Lotte, aus der Haustür zu gehen.

 

Arme Lotte

 

Bei beiden Fällen sieht man, dass der Hund die Korrektur überhaupt nicht mit dem Fehlverhalten verknüpft hat, sondern mit Umweltreizen. Hasso mit den anderen Hunden und Lotte mit dem Weg. Schöner Mist.

 

Und ich finde es erschreckend, wieviele Hundebesitzer immer noch der Meinung sind, sie würden das Allheilmittel kaufen.

Viel besser wäre es, bei Problemen ein paar Stunden bei einem guten Hundetrainer zu buchen, als Unmengen an Geld für solch schwachsinnigen Dinge auszugeben. (Jaaaa, das ist ein wenig Werbung für mich....)

 

Liegt es vielleicht daran, dass Menschen sich erhoffen, das Problem schnell zu lösen? Das man keine Zeit investieren möchte in Training?

Ja, Leinentraining, Anti-Jagdtraining, Leinenaggression und vieles mehr bedeutet Arbeit. Das dauert seine Zeit und oft muss man ein Hundeleben daran arbeiten. Wir müssen dabei Konsequent sein und dran bleiben. Schreckt das vielleicht ab?

Aber wenn das so ist, warum hole ich mir dann einen Hund? Wenn ich meinen Hund nicht fair behandeln möchte, dann gibt es immer noch die Alternative: Stofftier.

 

Also bitte, bitte lasst solche Dinge in den Regalen hängen und setzt auch mit Eurem Hund auseinander. Welche Bedürfnisse hat er, warum macht er das? Geht zu einem guten Trainer (Ups, wieder Werbung für mich) und lasst Euch das richtige Handling zeigen. Am Anfang müsst Ihr hart ran, aber es zahlt sich aus.

 

Für Eure Hunde, ihr habt sie doch alle lieb.